Verblüffender Wahltag

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Wenn es zu Wahlen kommt, zeigt Nepal ein neues Gesicht. Angst und Schrecken werden verbreitet, um Wähler einzuschüchtern oder gar die Wahlen zu verhindern. Wie würden wohl die ersten Parlamentswahlen unter einer neuen Verfassung in Nepal ausgehen?

Dass die Nepalesen nicht immer so friedlich sind, ist mir klar, schließlich gab es hier einen zehnjährigen Bürgerkrieg. Dennoch wollte ich an eine Bedrohung nicht so recht glauben. Und doch blieben wir am gestrigen Wahltag zu Hause und sollten das Haus nicht verlassen, weil es auf den Straßen zu Ausschreitungen kommen könnte.

In den vergangenen Tagen und Wochen vor den Wahlen, die gestern stattfanden und auf lokaler Ebene bereits Ende November, gab es immer wieder Bombenanschläge und Schießereien. Unheimlich wirkten die Konvois unterschiedlicher Parteien, die selbst in unserer kleinen Nebenstraße mit kreischenden Lautsprechern und vermummten Männern darauf vorbeirasten. Diese ließen auch abends um halb neun noch die Propagandamaschinerie ihre Parolen abspielen.

Das Militär, mit Maschinengewehren im Anschlag auf den Straßen patrouillierend, sollte für Sicherheit sorgen. Bei mir hinterließen sie ein mulmiges Gefühl.

Am Wahltag also verbargen wir uns zu Hause. Wir sollten Menschenansammlungen vermeiden, wurde uns empfohlen. Auch in den letzten Tagen war ich darauf hingewiesen worden, bei geringsten seltsamen Anzeichen das Weite zu suchen.

Bei leuchtendem Sonnenschein überlegte ich, wie dunkel doch manche Seelen sein müssen, hier Terror zu verbreiten.

Großes Staunen am Nachmittag

Am Nachmittag wollte ich es dann aber doch wissen und schnappte mir mein Fahrrad.

Bei einer Wahlstation standen hunderte Menschen Schlange. Ein großer Andrang ergoss sich über eine breite Hauptstraße. Dort fuhr ich schnell vorbei, wunderte mich aber darüber, dass die vielen Menschen sich so ungestört ausbreiten konnten.

Was ich dann auf den Straßen erlebte, raubte mir schier den Atem.

Keine Autos, keine Mopets, keine stinkenden Busse. Absolut kein Verkehr. Die Menschen flanierten mitten auf den Straßen, Kinder mit Dreirädern eroberten die Fahrbahn, sie spielten Badminton oder Ball, nur Rikschafahrer, fröhliche Menschen, Kühe und Hunde unterwegs. Ab und zu Ambulanzfahrzeuge, für den Fall der Fälle.

An einer Kreuzung, wo ich normalerweise Minuten brauche, um auf die andere Seite zu gelangen: nur zwei Schutzmänner. Die vollgestopfte Hauptverkehrsader Lazimpat: wie leergefegt. Ich erlaubte mir den Luxus, mit meinem Fahrrad freihändig in der Mitte zu fahren.

Und dann die Luft: so klar und rein, man konnte selbst die schneebedeckten Gipfel des Himalaya mitten in der Stadt erkennen. Kein Lärm, keine Abgase, kein Staub. Es fühlte sich an wie in einer anderen Zeit.

Der Wahltag endete friedlich in einer surreal leeren Stadt.

Am nächsten Tag war der Zauber vorbei und die lauten Fahrzeuge überfluteten wieder die Straßen. Die Ergebnisse der Wahlen sollen in den nächsten Tagen bekanntgegeben werden. Vielleicht gibt es ja Neuwahlen?

 

 

Am Mount Everest

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Ich hielt ihn schon oft in den Händen, hatte ihn aber noch nie mit eigenen Augen gesehen: den Mount Everest. Abgebildet auf jedem Geldschein in Nepal, kannte ich seine Form genau. Wie er wohl in Wirklichkeit aussehen mochte?

Wenn man schon mit dem höchsten Berg der Welt in einem Land lebt, kann man ihn ja auch mal anschauen. Also machten wir uns auf den Weg zum legendären Mount Everest Trek nach Solukhumbu.

Nervenkitzel am gefährlichsten Flughafen der Welt

Der schnellste Weg dorthin ist ein Flug mit einer Propellermaschine von Kathmandu ins rund 140 Kilometer entfernte Lukla. Dort landet man mit etwas Glück heil auf einem der gefährlichsten Flughäfen der Welt. Weil sich die Wetterverhältnisse in den Bergen blitzschnell ändern können, ist die Ankunft längst nicht gewiss. Und so mussten auch wir unser Abenteuer um einen Tag verschieben, nachdem der Flug wegen schlechten Wetters nach acht Stunden Wartezeit gestrichen wurde.

Am nächsten Tag ging alles gut und nach nur 25 Minuten Flugzeit landeten wir auf der kürzesten Start- und Landebahn, die ich jemals gesehen habe: nur 500 Meter lang ist die Piste, die an der einen Seite von einer Schlucht, an der anderen von einer Felswand begrenzt wird. Und dann ist man auch schon mitten im Himalaya auf 2.840 Metern. Kaum ausgestiegen, vollführten wir erst mal einen Freudentanz mit Tränen in den Augen: die erste Hürde überlebt!

Nun lagen rund 130 Kilometer Fußmarsch und über 2.000 Höhenmeter vor uns. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie wir diese Aufgabe bewältigen würden. Also machten wir uns einfach auf den Weg. Wir, das waren unser Guide Om, der aus der Gegend stammt und die Strecke in- und auswendig kennt, unser ungarischer Freund und Sportskanone Istvan, seine Schulfreundin Anita, die extra aus Budapest angereist kam und natürlich der Liebste und ich.

Zunächst ging es von Lukla dreieinhalb Stunden rund 200 Meter abwärts nach Phakding, wo wir eine Mittagspause einlegten: Ingwertee als Fitnessgetränk und Knoblauchsuppe zur Vorbeugung gegen Kopfschmerzen. Nach der Stärkung latschten wir drei Stunden und über 200 Meter aufwärts nach Monjo. Am nächsten Tag hieß unser Etappenziel Namche Bazaar, das auf 3.440 Metern liegt und uns zwei Tage zur Höhenakklimatisation beherbergen sollte.

Mount Everest mit eigenen Augen sehen

Auf dem Weg nach Namche begegneten uns glöckchenverzierte Pferdchen, bunte Vögel und Schmetterlinge, und vollbeladenene Yaks, die zähen Lasttiere. Nach der Überquerung einer schlingernden Seilbrücke über einen rauschenden Gebirgsfluss drehten wir uns um und wer stand da? Der Mount Everest! Weiß leuchtend vor märchenblauem Hintergrund, schimmerte der bekannte Buckel wie aus dem Bilderbuch, aber mit eigenen Augen betrachtet einfach phänomenal.

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Akklimatisation

Nach dem steilen Aufstieg freute ich mich schon auf die Akklimatisationstage in Namche. Doch Akklimatisation bedeutete nicht, wie ich dachte, dass man zwei Tage auf der faulen Haut liegt, sondern weiter nach oben marschiert und dann wieder runter, um den Körper an die Höhe und damit verbunden weniger Sauerstoff in der Luft zu gewöhnen. Also stiegen wir 440 Meter auf, um bei 3.880 Metern im höchsten Hotel der Welt Rast zu machen.

Auf dem Weg nach oben spürte ich das erste Mal die Auswirkungen der knappen Sauerstoffzufuhr auf meinen Körper: So laaaangsaaaam hatte ich mich noch nie bewegt. Wie in Zeitlupe setzte ich einen Schritt nach den anderen, Stufe für Stufe, in einem mir unbekannten, schneckenhaften Tempo. Ein wenig surreal, wenn man sich plötzlich nicht mehr wie gewohnt fortbewegen kann.

Nach gut zwei Stunden oben angekommen, hatten wir einen grandiosen Ausblick auf den Mount Everest (8.848 m) mit seinen kleinen Brüdern Lhotse (8.516 m), Nuptse (7.861 m) und Ama Dablam (6.814 m).

So ging es dann in den nächsten Tagen: Aufstieg, Pause, weiterer Aufstieg, zurückgehen, um den Körper an die Höhe zu gewöhnen. Wir durchquerten Täler, hangelten uns an mit Gebetsfahnen geschmückten Seilbrücken entlang, stolperten über Felsen und umrundeten im Uhrzeigersinn kleine Chörten (Stupas).

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Wir standen früh auf, um das gute Wetter auszukosten, denn hier oben gilt die Daumenregel: vormittags scheint die Sonne, ab Mittag ziehen Wolken auf und nachmittags verstecken sich die Berge. Und wir hatten jeden Tag Glück und konnten den Everest und die umgebenden Gipfel aus verschiedenen Blickwinkeln bewundern.

Je weiter wir kamen, desto höher stiegen auch die Preise, denn alles wird von Lastenträgern, Yaks oder, ganz exklusiv, mit Helikoptern von Lukla aus nach oben befördert. Es gibt nur bucklige Geröllwege nach oben. Om erzählte, dass manche Einheimische gar nicht wüssten, wie Autos aussehen. Sie kennen nur den Flugverkehr in Lukla.

Am fünften Tag ruhten wir uns gerade in einem kleinen Dorf auf 4.000 Metern aus, als ein kleiner Yak Bulle um die Ecke geschossen kam, meinen roten Rucksack mit seinen Hörnern packte, wild umherbockte, die Beute abschüttelte und wieder davon raste. Das alles geschah in wenigen Sekunden und ehe ich realisierte, was er da in die Mangel nahm, war er schon wieder verschwunden. Lektion daraus: auch kleine Yakse reagieren auf Rot! Von da an versteckte ich meinen Rucksack unter der gelben Regenhülle. Wie ich erfahren habe, reagieren auch Tiger auf rot. Aber die gab es in der Gegend nicht, sonst hätte ich es darauf ankommen lassen 🙂

Mantra für den Weg zur Erleuchtung

Den Everest fest im Blick, stapften wir jeden Tag immer weiter und höher. Als wir in Dughla auf 4.620 Metern ankamen, standen wir vor der bisher größten Herausforderung: den Thokla Pass bewältigen, über 200 Meter steil nach oben. Die Gegend war bereits unwirtlich: uns umgaben nur noch Steine und Geröll, durchbrochen von einem schäumenden Fluss, über den eine wacklige Holzbrücke führte. Hier oben lernte ich die wichtigste Lektion: nicht nach oben schauen! Also konzentrierte ich mich nur auf den nächsten Meter vor mir, bewegte mich ganz langsam, in kleinen Schritten. Es war verdammt anstrengend und ich fragte mich, was zum Teufel ich hier oben wollte? Einmal blickte ich doch nach oben und hätte am liebsten angefangen zu heulen. Wie sollte ich diesen verdammten Pass schaffen? Da besann ich mich des allgegenwärtigen Mantras: Om mani padme hum. Es ist das Mantra des tibetischen Buddhismus für den Weg zur Erleuchtung, erklärte mir Om. Überall auf dem Weg fand ich es in Steine gehauen, auf Gebetstafeln und an Wände gemalt. Ich ersann mir meine eigene Melodie und sang es leise vor mich hin. Und siehe da: es half! Das Mantra trug mich nach oben. Eineinhalb Stunden brauchte ich für den Aufstieg. Überwältigt von meinen Gefühlen, brach ich oben angekommen vor Freude und Erleichterung, aber auch vor Anstrengung in Tränen aus. Als ich mich wieder gesammelt hatte, blickte ich mich um. Dort oben am Thokla-Pass erinnern zahlreiche Gedenksteine an die am Mount Everest tödlich verunglückten Bergsteiger.

Nach dem Pass veränderte sich die Landschaft wieder. Nun waren wir im Hochgebirge angelangt. So eine karge Umgebung hatte ich noch nie gesehen. Staubige Schotterwege, flechtenüberwachsenes Geröll, keine Bäume mehr. Wie auf dem Mond. Schließlich kamen wir in Lobuche an, auf 4.910 Metern. Am Nachmittag unternahmen wir dann einen leichten Nachmittagsspaziergang auf 5.000 Metern. Es fühlte sich kaum anders an als sonst. Nur meine verlangsamten Bewegungen erinnerten mich daran, dass ich gerade so hoch oben war wie nie zuvor. Eiskalt und windig war es dort. Unter uns lag ein Gletscher, der zum Everest Basecamp führte. Dahinter der mächtige Mount Everest und die anderen Acht- und Siebentausender. Wie winzig klein und unwichtig wir Menschen doch sind im Angesicht dieser Giganten!

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Am nächsten Tag kam das böse Erwachen: die Hälfte der Gruppe litt an Höhenkrankheit mit Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit. Also entschlossen wir uns zum wirksamsten Mittel: Abstieg, Abstieg, Abstieg. Die Gruppe trennte sich und Istvan, die Locals nennen ihn Schneeleopard, lief weiter und erklomm allein den Kalar Pattar (5.675 m) mit unmittelbarer Aussicht auf den Mount Everest und im Anschluss das Everest Base Camp.

Der Rest wanderte zurück. Beim Abstieg fiel mir erst auf wie unglaublich weit oben wir waren und welche Strecke wir zurückgelegt hatten.

Nach einem Tagesmarsch erreichten wir Periche, das auf sicheren 4.240 Metern liegt und eine Krankenstation für Höhenkranke hat. Dort gab es Sauerstoff und Tabletten gegen Höhenkrankheit. Hier fand dann auch die Gruppe wieder zusammen und wir wanderten die nächsten Tage zurück nach Lukla. Von da an änderte sich das Wetter und die dichten Wolken versperrten die Sicht auf den Everest, was uns frohlocken ließ über unser bisheriges Glück. Auch bemerkten wir, dass wir gerade rechtzeitig vor dem großen Touristenansturm losgelaufen waren, denn nun kamen uns ganze Reisegruppen entgegen. Diese benötigten sichtbar mehr Verpflegung, weshalb auch deutlich mehr Yaks unterwegs waren, die ihre stinkenden Hinterlassenschaften auf den jetzt glitschigen Pfaden hinterließen.

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Im Helikopter über dem Himalaya

Schließlich kamen wir einen Tag früher als geplant in Lukla an und wollten gleich einen Rückflug nach Kathmandu nehmen. Leider verpassten wir den letzten Flieger ganz knapp, weil das Wetter umschlug und keine weitere Flüge an dem Tag mehr starten würden. Wir waren deprimiert und wollten nur noch nach Hause. Ich konnte keine stinkenden Socken, keine verschwitzen Klamotten und schon gar keine Knoblauchsuppe mehr ertragen. Mir war kalt und ich hatte die Nase voll von den äußerst schlichten Unterkünften. Ich sehnte mich nach einer heißen Dusche! Mir graute vor dem Gedanken an geschmacklose Nudeln, versalzenes Omelett oder faden Reis. All das wollte ich jetzt nicht mehr.

Und dann geschah ein kleines Wunder: irgendwie hatte Om es geschafft, seine Kontakte spielen zu lassen und plötzlich saßen wir im Helikopter auf dem Rückflug nach Kathmandu. Von dort oben betrachteten wir die unglaubliche Weite des Himalaya und ich war schon wieder am Heulen: dieser Trek war wohl das größte Abenteuer meines Lebens 🙂

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Im Feld

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Als 2015 eine Serie von Erdbeben Nepal heimsuchte, lag die Gegend in Sindhupalchok, rund 80 km von Kathmandu entfernt, im Epizentrum. Hier werden die Schulen wiederaufgebaut, für deren Errichtung wir im Land sind.

Wie sehr Nepal auf die Unterstützung durch internationale Hilfsorganisationen angewiesen ist, zeigt eine Ironie der Geschichte: die Schulen wurden erst zwei Jahre vor der Katastrophe von der Regierung erbaut – und die meisten Gebäude beim Beben vollständig zerstört. Dabei hatten die Menschen noch Glück im Unglück, denn das Erdbeben ereignete sich an einem Samstag, weshalb die Kinder nicht in der Schule waren. Im Distrikt Sindhupalchok werden nun insgesamt zehn Schulen gebaut.

Für die relativ kurze Strecke ins Projektgebiet rechnet man wegen der schlechten Straßenverhältnisse mit etwa drei Stunden Fahrtzeit, weshalb wir bereits um sechs Uhr morgens losfuhren.

Wo die staubigen Hauptstraßen in Kathmandu einem überstrapazierten Schleichweg gleichen, verwandeln sie sich auf dem Weg gen Nordosten in der Regenzeit in holperige Schlammpisten, denen nur mit einem robusten Geländewagen mit Allradantrieb beizukommen ist. In Erinnerung an rumpelige Fahrten auf Nias hatte ich vorsichtshalber meinen Sport-BH angezogen und mich mehrfach selbst beglückwünscht für diese weise Entscheidung.

Kaum hatten wir die überfüllten Hauptstadtstraßen hinter und gelassen, schlängelten wir uns an der angeblich höchsten Shivastatue der Welt vorbei tief hinein in die Berglandschaft. So sehr mich die unwegsame Straße auch durchschüttelte, besänftigte mich die grandiose Aussicht: dicht bewachsene grüne Hügel, unterbrochen durch neongrüne Reisterrassen, abgesteppt vom blauen Himmel mit weißen Kuschelwolken. Wenn man ganz großes Glück hat, reißt der Himmel auf und man bekommt eine Ahnung von den schneebedeckten Giganten des Himalaya.

Angekommen im ersten Dorf, kamen wir gerade rechtzeitig zu einem Workshop zu erdbebensicherem Bauen. Die Wissensvermittlung ist Teil des großen Plans, die Bevölkerung nachhaltig gegen kommende Katastrophen zu wappnen.

Anschließend ging es weiter hinein ins Feld. An einem schlammigen Flusslauf entlang krochen wir zu einem Dorf, so weit entfernt wie bei den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen, wo eine weitere Schule gerade fertiggestellt worden war und nun begutachtet werden musste.

Die Fotos sind teilweise etwas verschwommen, weil ich aus dem wackelnden Auto heraus fotografiert habe.

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Nachdem wir für den Tag alle Baustellen besucht hatten, ging es zurück ins Feldbüro, wo auch übernachtet wird. Sobald die Sonne untergegangen ist, kocht die Vermieterin in ihrer kleinen Wellblechhütte neben dem Haus ihr Süppchen, bzw. Dhal Bat, Reis und Linsen, das Nationalgericht. Kleiner Gag am Rande: auf ihre Frage hin, ob es bei uns auch Linsen gäbe, antwortete ich, dass wir die durchaus auch haben, dass der Liebste sie sich aber immer selbst zubereitet. Daraus schloss die gute Frau, dass ich nicht kochen kann – denn in Nepal gehören Linsen so selbstverständlich zu jedem Essen wie Knödel in Bayern. Und auch was die Verköstigung der Linsen anging, leistete ich mir einen kleinen Fauxpas. Denn wo die Linsensauce normalerweise über den Reis gekippt wird, löffelte ich sie als vermeintliche Suppe und hatte damit die Lacher unweigerlich auf meiner Seite.

Am nächsten Tag zog ich dann los, um Leute zu interviewen, die für die Organisation arbeiten. Heraus kamen dabei die folgenden kleinen Portraits, die auf den Social Media Kanälen geteilt und kräftig geliked wurden. Die Mitarbeiter hatten bis dato noch nie so viel Aufmerksamkeit erfahren und wurden durch die Veröffentlichung zu kleinen Berühmtheiten im Dorf. Seitdem fragen alle, wann ich endlich wiederkomme, um weitere Interviews zu führen… ich halte euch auf dem Laufenden!

Dinesh, Leitender Ingenieur

Als leitender Ingenieur ist Dinesh verantwortlich für die Überwachung der Baustellen und der weiteren Ingenieure in Sindhupalchok/Thilosirubari, wo Help insgesamt 10 Schulen baut.

Dinesh hat vor seiner Tätigkeit für Help im privaten Sektor und als Berater für die nepalesische Regierung gearbeitet. Dabei hat er auch Erfahrungen im Design verschiedener Bauvorhaben gesammelt, wie private Häuser, öffentliche Gebäude, Geschäftsgebäude und auch Schulen.

„Es macht mich glücklich, Schulen für Help zu bauen, denn diese sind die wichtigsten Gebäude überhaupt. Die Sicherheit der Schüler ist für mich das Wichtigste. Wir legen großen Wert darauf, erdbebensichere Schulen zu bauen und haben uns dafür schon einen guten Ruf erarbeitet. Das gibt mir ein gutes Gefühl“, sagt Dinesh über seine Arbeit bei Help.

Brakash, Projektkoordinator

Brakash arbeitet als Projektkoordinator für Help. Er ist zuständig für die Betreuung der laufenden Aktivitäten rund um die einkommensschaffenden Maßnahmen, die Help anbietet, die gesamte Koordination des Projektmanagements im Feld, wie auch der beteiligten Behörden auf lokaler und Regierungsebene. Vor seiner Zeit bei Help war Brakash bei verschiedenen namhaften internationalen Nichtregierungsorganisationen und als Lehrer tätig. Zu seiner Arbeit bei Help sagt Brakash: „Ich bin stolz darauf, für Help zu arbeiten, denn wir helfen den Menschen in den abgelegenen Gebieten, die wirklich Hilfe benötigen, und das sind vor allem die Kinder. Das ist das Beste an meiner Arbeit“.

Ganga, Lehrerin an der Ganesh Schule, die von Help wiederaufgebaut wurde

Ganga unterrichtet Grundschüler der 1.-5. Klasse in den Fächern Mathematik, Naturkunde, Gesellschaft, Englisch und Nepali, außerdem betreut sie auch die Vorschule.

Sie ist seit 10 Jahren Lehrerin und freut sich, dass sie in dem neuen Help-Gebäude unterrichten kann. „Im Gegensatz zu vorher ist die neue Schule erdbebensicher, es gibt ausreichend Wasser und Toiletten und dadurch eine gute Lernumgebung“, berichtet Ganga. Sie arbeitet sehr gern als Lehrerin und jetzt macht es ihr noch mehr Spaß: „Ich mag es sehr gern, mit den Kindern spielerisch zu lernen, mit ihnen Zeit zu verbringen. Und ich schätze das professionelle Umfeld, das die neue Schule bietet“, ergänzt Ganga.

In einer Klasse sitzt auch ihre sechsjährige Tochter, die es toll findet, von ihrer Mutter unterrichtet zu werden.

Alltag

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Wenn mich das Leben in Entwicklungsländern eines gelehrt hat, dann wie glücklich sich alle schätzen können, in der sogenannten westlichen Welt leben zu dürfen.

Ich will das mal an einem ganz profanen Beispiel erläutern: Elektrizität.

Was passiert eigentlich, wenn der Strom ausfällt? Ganz einfach: man geht zum Hauptschalter und schaltet den Strom wieder ein. Was aber, wenn die zentrale Stromversorgung ausfällt, man niemanden erreichen oder sich gar beschweren kann und niemand weiß, wann es wieder Strom gibt?

Zuerst fällt die Waschmaschine aus, die am Vormittag eingeschaltet wurde und schon fast fertig war. Eigentlich ist es ja nicht so schlimm, wenn die Wäsche ein bisschen einweicht. Es gibt ja ohnehin nur ein Waschprogramm, kalt. Aber wie lange kann sie da drin liegen, bis sie anfängt zu stinken?
Dann gibt auf einmal der Computer Alarm: Achtung, Sie arbeiten im Reservemodus. Schließen Sie Ihren Computer an die Stromversorgung an!
Hmm. Würde ich ja gerne… Wo ich doch am Montag erst mein Abenteuer mit dem Reparieren des Netzteils für den Computer hatte. Anscheinend gibt es da irgendeinen Fluch, wonach mein Netzteil immer erst mal kaputt gehen muss. Das bescherte mir eine abenteuerliche Fahrt mit dem Taxi zur anderen Seite der Stadt.

Der Taxifahrer wusste plötzlich doch nicht mehr so genau, wo ich eigentlich hinwollte. Am Ende standen wir mit zwei Verkehrspolizisten über mein Handy gebeugt und rätselten alle vier, wie wir zu der betreffenden Stelle kommen, welche auf der mobilen Karte ganz in der Nähe rot angezeigt wurde. Irgendwie habe ich es dann geschafft, den Taxifahrer halbwegs dorthin zu lotsen und bin den Rest gelaufen.
Für gut 20 Euro wurde schließlich das Netzteil repariert und ich als alter local konnte dem Taxifahrer auf dem Rückweg den Weg weisen.

Kein Strom

Nagut, denn eben Mittagessen, ich hatte eh schon Hunger.
Der Kühlschrank ist natürlich auch ausgefallen. Mal sehen, wie lange sich die Sachen darin halten.
Das leckere Ofengemüse von gestern Abend wäre jetzt was. Aber, oh Schreck, der Ofen geht natürlich nicht. Dann eben in der Pfanne aufwärmen. Wir haben ja Gas. Doch der Ignitionherd läßt sich nicht anwerfen, denn der läuft nur mit Strom. Ich könnte es natürlich mit einem Feuerzeug versuchen, aber wer weiß, was dann wieder schief geht.

Egal, dann gibt es eben ein zweites Frühstück: jeden Tag schneide ich mir eine frische Mango in mein finnisches Müsli mit Sojamilch. Kann man auch mal mittags essen.
Dazwischen mal schnell den Weg von hier zur Hauptpost herausfinden. Es gibt nämlich nur eine zentrale Post, die mitten in der Stadt liegt. Das bedeutet dann wieder eine aufregende Fahrt mit dem Fahrrad. Aber, ach so, Internet geht natürlich auch nicht.

Nun ja, dann eben abwarten. Und den altmodischen Stadtplan nutzen.

Während ich mein Müsli knuspere, höre ich plötzlich Wasserrauschen – die Waschmaschine geht wieder ….
Dafür ist jetzt das Internet ausgefallen 🙂

Manchmal ist die Lösung eines Problems so „einfach“, dass man nur lachen kann. Wie etwa mit dem nicht funktionierenden heißen Wasser: wir hatten an allen Knöpfen rumgedrückt, sämtliche Schalter umgelegt, das Wasser lange laufen lassen, doch es wurde einfach nicht heiß. Der Boiler sprang nicht an. Also habe ich schließlich die Vermieterin gefragt. Und die kam, drehte das Wasser auf und zack – es war brühend heiß. Wie das? Nunja, sie hat einfach den Regler für den Duschkopf umgelegt und den Kaltwasserhahn aufgedreht. Natürlich waren die Regler für heiß und kalt umgedreht und dass es zwei unterschiedliche Funktionen für Duschköpfe gibt, ist wieder so eine einzigartige Logik…

Reparatur des Internets

Die „Reparatur des Internets“ war auch wieder so ein Fall für sich. Nach dem Stromausfall funktionierte das Modem nicht mehr, es stierte gefährlich rot, also hab ich gleich unseren IT Experten angerufen. Der hat für den nächsten Tag um 10 jemanden vom Internet Service Provider organisiert. Erstaunlicherweise waren sie sogar schon um 9:30 da. Repariert wurde dann nicht bei mir im Haus, sondern direkt am Kabel, hoch oben am Verteilermast an der Strasse, wo sich hunderte schwarze Kabel schlängelten. Dabei lehnte ein Mitarbeiter mit seiner Stahlleiter direkt auf dem Kabelgewirr, was wirklich äußerst gefährlich aussah, und hängte ein kleines Modem oben ein. Zauberei oder gute Götter, jedenfalls funktioniert es jetzt wieder.

Fahrradunfall

Dann erlebte ich meinen ersten kleinen Fahrradunfall. Nix Schlimmes. Aber doch eine kleine Warnung, dass ich nicht so ne dicke Lippe riskieren sollte, was den Verkehr angeht – er ist wirklich mörderisch, wie ich schmerzhaft erleben durfte.
Ich hielt mich ja schon für recht versiert im Strassenkreuzen und beobachtete die Gegenseite gut –hatte aber meine Rechte nicht mehr im Blick.
Dann ging alles ganz schnell und -zack, lag ich auf dem Boden auf der Hauptverkehrsstrasse. Noch ehe ich verstehen konnte, was überhaupt geschehen war, umringten mich bereits Leute und fragten, ob alles ok sei und halfen mir auf und versicherten sich, dass ich wirklich klar kam. Gleich wieder aufsteigen und weiterfahren. Nach ein paar Metern, es ging auch noch bergauf, realisierte ich erst, wie schnell mein Herz klopfte und die Hände zitterten. Einfach weiterfahren.

Nun ist die Lippe ist geschwollen und ich zähle meine blauen Flecken 🙂

Beim Yoga waren wir auch wieder. Extra eine Yogamatte besorgt. Und wir haben jetzt eine Dauerkarte. Die Nepalis sind ja auch sehr bürokratisch und sie lieben Ausweise. Nun ziert mein Konterfei meinen ersten Yogaausweis überhaupt! Yoga? Ich? Pilates wäre mir ja lieber. Aber es ist auch interessant, sich mal diesen Verrenkungen hinzugeben.

Mission Post

Am Freitag habe ich dann tatsächlich meine Mission erfüllt und die Post rechtzeitig aufgesucht.
Vor dem abgewrackten Gebäude im Innenhof stehen drei ganz putzige Postkästen.
Der grüne ist für die lokale Post im Kathmandu-Tal, nationale Briefe Nepals fliegen in den roten und die Auslandspost landet im blauen.

Ich ging aber hinein und habe meine Post persönlich abgegeben. Wunderbar postonkelhaft stempelte der einzige Postbeamte geflissentlich meine Postsachen und grinste mich höchst zufrieden an. So waren wir beide glücklich und haben uns freundschaftlich zugewunken.

Das wäre auch abgehakt.
Insgesamt habe ich über eine Stunde gebraucht, hin und zurück. Also so schnell werde ich dieses Abenteuer nicht wiederholen.

Das war eine ganz typische Woche. Am Wochenende waren wir wieder auf einer NGO Party eingeladen. Auch hier in Nepal herrscht ein ewiges Kommen und Gehen, so dass es immer reichlich Gelegenheiten für alle möglichen Parties gibt.

So läuft das hier eben.
Jeden Tag ein Abenteuer.
Jeden Tag eine Planänderung.
Jeden Tag Flexibilität zeigen.
Jeden Tag genießen.
Eigentlich fast wie in Berlin 😉

Von Tempeln und Hunden

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Wenn man in Kathmandu jemand nach dem Weg fragt, wird man immer an einem Tempel entlang gelotst. Dabei gibt es hier so viele, dass sich auch die Einheimischen nicht alle Namen merken können. Kathmandu gilt ja auch als Stadt der Tempel. Es gibt kaum eine Strasse, in der nicht entweder ein Tempel, ein Stupa (eine Art Grabhügel) oder zumindest ein klitzekleiner Altar steht. So zeigt sich im Alltag überall der hinduistische oder buddhistische Glaube.

Beeindruckend sind auch die von der UNESCO als Weltkulturerbe ausgezeichneten Tempelanlagen in Bhakatpur. Dorthin haben wir unseren ersten Ausflug unternommen und einen Einblick in die hiesige Kultur gewonnen.

Beim Eintritt bekommt man eine ordentliche Bescheinigung ausgehändigt und auch im Alltag sind die Nepalesen sehr bürokratisch. Wenn man beispielsweise ein Dokument mit einem blauen, statt schwarzen Stift unterschreibt, wird es von den Behörden nicht anerkannt und man muss alles von Neuem einreichen. Recht kompliziert wird hier alles dadurch, dass man vieles persönlich erledigen muss, da es keine funktionierende Post gibt oder (noch keine) Überweisungsscheine. So wird dann z.B. die Rechnung für’s Internet im hiesigen Büro des Providers oder die Miete direkt beim Vermieter in bar bezahlt.

Da hantiert man dann immer mit Riesensummen im tausender Bereich. Die Geldscheine sind übrigens recht leicht zu merken, denn die sind nach Art und Größe der einheimischen Wildtiere sortiert. So ziert den größten Schein, den Tausender (umgerechnet etwa 10 Euro), ein Elefant. Dann kommt der Fünfhunderter mit dem Königstiger, der Hunderter mit einem Nashorn und – mein Lieblingsschein – der Fünfziger mit dem Schneeleoparden. Danach kommen die kleineren Tiere wie Antilopen oder Yaks, eine in Zentralasien verbreitete Rinderart. Auf der Rückseite ist auf allen der Mount Everest abgebildet.

Ich wünschte, ich könnte euch die Aussicht zeigen. Wir wohnen momentan im fünften Stock eines erdbebensicheren Hochhauses, darüber befindet sich noch eine Art Dachterrasse. Von dort hat man einen einen grenzenlosen Blick über die riesige Stadt. Ein Häusermeer, so weit das Auge reicht. Jetzt, in der Regenzeit, herrscht meistens klare Sicht, so dass man in der Ferne im Westen den Swayambhunath Stupa erkennen kann. Die Augen Buddhas sollen mit seinem wohlwollenden Blick (nicht nur) die Gläubigen auf all ihren Wegen beschützen.

Die Aussicht hier werde ich vermissen. Ist schon erstaunlich, wie schnell mein kleines Herz sich für etwas begeistern kann. Bei aller Begeisterung für neue Abenteuer schmerzen all die Abschiede doch immer wieder…

Wenn man Glück hat, so wie wir letzten Sonntag, kann man im Osten sogar den Himalaya sehen. Das ist wirklich beeindruckend. Man schaut sich die Berge an, zuckt mit der Schulter und denkt, ja, okay, Berge. Bis der Blick nach oben wandert, richtig weit oben, so dass man den Kopf tief in den Nacken legen muss, und da entdeckt man die Spitze eines von tausenden Bergen des Himalayas. Die Berge sind höher als die Wolken – und das ist noch nicht mal der Mount Everest. Unglaublich!

Unglaublich sind auch die Einheimischen – nämlich unglaublich nett! Bisher hatte ich nur positive Erlebnisse. Die Leute stören sich nicht an meinen kümmerlichen Nepali Versuchen oder wenn ich sie der Einfachheit halber auf Englisch anspreche. Mit einem Lächeln gelingt hier fast alles.

Besonders herzlich wurde der Liebste beim Einstand ins Projektgebiet empfangen und sogleich mit etlichen Blumengirlanden behängt, als Ausdruck der Wertschätzung und Verbundenheit.

Die eigentlichen Chefs hier sind aber die Hunde. Tagsüber schlafen sie friedlich, liegen da wie zerzauste Stofftiere. Die anderen Verkehrsteilnehmer umfahren sie vorsichtig, wenn sie auf der Strasse ruhen.

Doch abends, wenn es dunkel wird, kommt ihre Zeit. Als zuverlässiges Wachpersonal verteidigen sie ihr Revier gegen sämtliche Eindringlinge. Seien es Menschen oder freche Artgenossen, die es wagen, unsichtbare Grenzen zu übertreten. Dann wird gebellt, als gäbs kein Morgen mehr. Das geht dann in einem vielstimmigen Kanon so lange, bis alle Menschen im Bett liegen und jeder Konkurrent vertrieben ist.

Und dann, ab fünf Uhr früh, wenn die fleißigen Nepalesen den Tag beginnen, startet das Bellkonzert aufs Neue, untermalt vom rhythmischen Ruf eines Kuckucks, der sich hier irgendwo rumtreibt.

Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen, wie auch an den durchgängig rauschenden, hupenden und klappernden Strassenverkehr. Der Verkehr ist wirklich mörderisch. Wenn mir jemand vor einem Monat gesagt hätte, dass ich hier mit dem Fahrrad rumdüsen würde, hätte ich ihn wohl für verrückt erklärt.

Auf den ersten Blick erscheint es, als gäbe es keine Regeln. Nach einer Weile durchschaut man, wie es läuft. Regel Nummer eins: nicht zurück schauen. Regel Nummer zwei: einfach drauflos fahren. In kurzer Zeit habe ich mich auch daran gewöhnt und fetzte hier wie die Locals durch die City und wage es sogar, rechts abzubiegen – was bei der Masse an Fahrzeugen und Linksverkehr jedes Mal eine Mutprobe darstellt.

So fügt sich der Verkehr relativ reibungslos bis man durch das schrille Pfeifen eines Verkehrspolizisten gestoppt wird. Denn es gibt hier keine Ampeln. Die Verkehrspolizisten stehen mit Atemschutzmasken mitten im Verkehr und schaffen es irgendwie, den Überblick zu bewahren und das Chaos zu regulieren. Auch ich sollte eigentlich mit einer Maske rumfahren, denn die Luftverschmutzung ist unübersehbar. Wenn man nach einem Ausflug in der Stadt zu Hause unter der Dusche steht, ist das Wasser schwarz. Bisher fahre ich allerdings auf kurzen Strecken lieber ohne Maske. Und man sollte nicht wie ich staunend mit offenem Mund durch die Gegend kurven, sondern darauf achten, nur durch die Nase auszuatmen. Sonst kann es schon mal passieren, dass irgendwelcher Dreck in den Mund fliegt, den man dann schleunigst wieder ausspucken muss 🙂

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Nach einem Monat hier haben wir uns dank der gründlichen Einarbeitung durch unsere Freunde Cri&Pascal super eingelebt. Ich weiß, wo ich was einkaufe, kann mein Bier schon auf Nepali bestellen und mit dem Taxifahrer um den Tarif feilschen. Wir haben sogar schon ein Lieblingsrestaurant um die Ecke und gehen regelmäßig zum Yoga.

Das Beste an der ganzen Einführung ist aber, dass wir auch gleich den Freundeskreis von Cri&Pascal geerbt haben. So führen wir nach vier Wochen bereits ein erfülltes Privatleben und treffen uns regelmäßig mit den neuen Freunden. Dadurch bekommen wir tolle Tipps und lernen gemeinsam neue Ecken kennen. So macht das Leben hier wirklich Spaß und schmälert den Verlust der Freunde und Familie am anderen Ende der Welt.

Pascal, Silv, Cri and me

So, jetzt aber muss ich mich wieder um meine Hausarbeit kümmern, ich muss packen! Denn wir ziehen um! Das nächste Mal schreibe ich dann aus der neuen Wohnung.

 

Namaste 🙂

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Nervenkitzel Zugfahrt

Noch bevor der Zug zum Stehen kam drängelten die Leute gefährlich nah an die Bahnsteigkante.
Wo die ersten Passagiere aus dem einrollenden Zug hüpften, sprangen andere bereits auf, um einen Sitzplatz zu ergattern. Sie warfen eine Tasche oder Klamotte durch das Fenster auf einen Sitz, um den Platz zu reservieren.
Die Passagiere drängten nach innen oder hängten sich außen an den Türen fest. Sobald er stoppte, wurden wir von der Masse in den Zug hineingesogen.
Die ersten Sekunden lang ließen wir noch den vor uns Stehenden den Vortritt, bemerkten aber schnell, dass Höflichkeit hier fehl am Platze war. Also schoben wir uns mit unseren riesigen Rucksäcken ebenso hartnäckig und ohne Rücksicht auf Verluste voran, pressten uns mitten hinein in die schwitzende Menge aus Männern und Frauen, Kindern und Nam Verkäufern, und schafften es alle Viere in den Zug. An einen Sitzplatz war nicht zu denken. In der ersten halben Stunde konnte ich noch nicht einmal meinen Backpacker Rucksack abnehmen, so voll war der Waggon.

Nach einer Weile, als sich alle eingerichtet und einander zugelächelt hatten, gelang es mir, den Rucksack abzunehmen und in einem Gepäckregal neben mir zu verstauen, welches mir dann auch als Stehplatz diente – immerhin konnte ich so abwechselnd das eine oder andere Bein darin locker lassen, so dass ich über mehr Beinfreiheit verfügte als meine Mitreisenden. Abwechselnd mal mit der linken, mal mit der anderen Hand hielt ich mich an den Griffen über mir fest, um einigermaßen das Gleichgewicht im wild ruckelnden Zug zu behalten.
Der Liebste quoll eingequetscht aus dem Gedränge hervor, seine schiere Größe ließ ihn den anderen wohl als Baum erscheinen. Und so hängte sich eine alte Frau an seinen Ellbogen, erschöpfte Männer lehnten an seinem Rücken und dösten im Fahrtwind. Ein lang verlorenes Geräusch erfüllte die Luft. Da-damm da-damm, da-damm da-damm, knatterte der Zug über die alten Gleise.

Ich betrachtete die flache Küste mit dem aquamarinblauen Meer und seelenruhig strahlendem Himmel darüber, weit wie die Welt.
Auf dieser Stecke ereignete sich das mit mehr als 1.500 Toten schlimmste Eisenbahnunglück in der Geschichte der Menschheit, wie mein kompakter Reiseführer verriet. Hier geschah nicht nur die schlimmste Bahnkatastrophe des Landes – vielmehr eine erschütternde Naturkatastrophe, der Tsunami 2004.
Hier stockte der Morgenzug Nr. 50 von Colombo nach Matara und wurde von einer 10 Meter hohen Flutwelle gepackt. In ihrer Verzweiflung retteten sich die Überlebenden auf das vermeintlich sichere Dach und wurden dann mit voller Wucht von der dritten und letzten und höchsten Tsunamiwelle emporgeschleudert und eingesogen, nur um danach wieder ausgespuckt und zurück geworfen zu werden.
Die Urgewalt der lebendigen Verwüstung riss die Gleise heraus, saugte ganze Bäume, Dreck und Schrott und Menschenleiber auf und wirbelte sie herum wie ein erzürnter Gott.
Am nächsten Tag glitzerte das Meer wieder ruhig als sei nichts geschehen.
Überraschend schnell erholte sich das Land dank der rasch wieder zurückkehrenden Touristen von dem Schock. Aber das Entsetzen sitzt tief und es gibt zahlreiche Mahnmale.

Unvorstellbar, wie weit die Schwingungen des Erdbebens zu spüren gewesen waren, wie unfassbar weit sich die Flutwelle ausgebreitet hatte. Sri Lanka ist fast Zweitausend Kilometer von Banda Aceh in Indonesien, das am stärksten heimgesucht wurde, entfernt. Und das Zugunglück geschah im Südwesten, also auf der gegenüberliegenden Seite des Indischen Ozeans. Eine unglaubliche Kraft, die unseren Planeten umgibt. Wasser. Wo Wasser doch sonst für das Leben steht. Hier verursachte es Tod und Zerstörung.

 

Abgesehen von diesem schrecklichen Ereignis ist Sri Lanka stolz auf seine Bahngeschichte. Vor 150 Jahren schnaufte die erste Dampflok von der Hauptstadt Colombo in das rund 50 km entfernte Ambepussa. Seither wuchs das Bahnnetz Sri Lankas auf 1.500 Bahnkilometer an. Inzwischen kurven die Züge als Dieseltriebwagen durch die Gegend, ansonsten hat sich an dem alten Verkehrsmittel nicht viel geändert. So rumpeln und rattern die rostroten, pfeilgeraden Züge noch heute gemächlich durch das Land und quälen sich im Hochland die steilen Trassen hinauf. Wir aber fuhren 115 km hinunter in den Süden, um nach Galle, der viertgrößten Stadt Sri Lankas, zu gelangen.

In zweieinhalb Stunden Schunkeln und Schaukeln, hin und her wiegen, im rhythmischen Geklapper der darunter liegenden Gleise gaben wir uns der langen Fahrt hin, dann spuckte uns der Zug in Galle aus.

Nach einem geschmeidigen Ankommen in Colombo mit den Freunden aus Nepal in einem wunderbaren Apartment wollten wir zu den Stränden der Südküste, um die malerischen Buchten zum Entspannen aufzusuchen. Zunächst aber stand Kultur auf dem Programm.

Kultur in Galle

Wir landeten in einem dreihundert Jahre alten Privathaus, wo wir die ersten Gäste eines neuen Homestay in Galle waren, viereinhalb Kilometer vom Bahnhof entfernt hinein in den Dschungel.
Das Haus strahlte freundlich weiß, mit einer hellblau gestrichenen hölzernen Veranda davor. Im Inneren fanden sich grazile Mahagonimöbel, massive Holztruhen und erlesene goldene Traditionsstücke.
Am Morgen wurden wir von wilden Tieren und Vogelgesang geweckt. Zauberhafte Vögel raschelten in den Blättern, Palmhörnchen versteckten sich hinter den Zweigen und Affen durchstoben die hohen Palmenwedel.

An unserem letzten Abend kredenzte uns die Hausherrin ein köstliches srilankisches Abendmahl: Rice&Curry. Reis vom hauseigenen Reisfeld, Saucen aus Kürbis, Bananenblüten, Jackfrucht, Auberginen und roten Linsen aus dem Garten, schön scharf und würzig zubereitet. Die Singhalesen ernähren sich überwiegend vegetarisch, so auch unsere Gastfamilie. Ab da bestellte ich mir meistens Rice&Curry. Die neue Spezialität, mitsamt deren Sambol. Diese scharfe Chilisauce bestand aus hauchfein geschnittenen, kleinen roten Zwiebeln, getrockneten, pulverisierten Chilis und Zitrone. Sehr fein. Wie ich später dazu gelernt habe, gibt es das auch mit frischer Kokosnuss, dünn geraspelt.

Die Altstadt von Galle und insbesondere der alte Leuchtturm machten den besonderen Reiz der Stadt aus. Hier erhob sich einst der erste Leuchtturm Asiens, der aber im Zweiten Weltkrieg zerbombt wurde. Der Ort diente früher auch als Startpunkt für Brieftauben, die besonders eilige Post aus Europa aufnahmen und in nur 45 Minuten nach Colombo flatterten.

Reif für die Insel

Nach Galle waren wir dann reif für die Insel: endlich nur noch erholen! Wir alle brauchten so dringend Ruhe und Frieden. Quality time mit guten Freunden.
Eine Woche lang erkundeten wir den tiefen Süden mit seinen einsamen Palmenstränden, die wir so vermisst hatten. Rubinrote Sonnenuntergänge, die dem dauerknipsenden Pascal seinen neuen Spitznamen Uncle Sunset einbrachten, kristallklares Meer, köstliches Sea Food, erstaunlich gutes einheimisches Bier und gute Gespräche und Lektüre. Wunderbar.

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Must-see: Safari

Nach ausreichend Sonne und Meer und der besten Silvester-Strandparty aller Zeiten wollten wir wieder was erleben und begaben uns nach Yala zur Safari.

Gesagt, getan. Alles blitzschnell organisiert, Tangalle am Morgen verlassen und schon am Nachmittag knatterten wir mit einem Safarijeep durch den Yala Nationalpark.
Wir waren ja von Afrika verwöhnt und hatten in Kenia die Big Five gesehen. Daher gaben wir uns ganz bescheiden und hegten keinerlei Ansprüche. Wobei, ich muss gestehen, ich hoffte ja klammheimlich, einem Leoparden zu begegnen. Immerhin hat Sri Lanka in den Nationalparks eine dichte Population aufzuweisen, da sollte doch einer für uns dabei sein.

Wir drangen tief ein in einen freigegebenen Bereich des Parks. Safaris sind wohlweislich zum Schutz der Tiere nur in einem bestimmten Gebiet erlaubt. Alles andere dient als Rückzugsort und Freiraum.

So erfreuten wir uns an farbenprächtigen Vögeln, leuchtenden Pfauen, wovon ein besonders elegantes Männchen sogar sein Rad präsentierte, bestaunten Pelikane und Störche. Wir trafen auf Wasserbüffel, regungslose Krokodile, die im seichten Tümpel auf Beute lauerten, in sicherer Entfernung weidendes, graziles Wild (Sambar- und Axis- Hirsche), Mungos, die ungeschlagenen Bezwinger der Schlangen, und massige Elefanten.

Gegen Ende der Tour, als wir uns fast satt gesehen hatten an der aufregenden Flora und Fauna, eingerahmt vom aufblitzenden Meer im Hintergrund, schnatterte unser Fahrer mit einem Mal aufgeregt am Telefon. Er latschte auf das Gaspedal und schoss mit uns die rote Piste entlang. Er hatte ein Signal empfangen, da war etwas ganz besonderes. Wir sausten an riesenhaften urtümlichen Bäumen entlang hinein in das Herz der Wildnis.

Dann kündete eine Reihe parkender Safarijeeps davon, dass wir angelangt waren. Der Fahrer steuerte geschickt auf eine Lichtung zu. Da war ein Sandhügel. Darauf bewegte sich etwas.
Eine vertraute, regelmäßige Bewegung: der Leopard leckte sich die Tatze. Dann schleckte er sich mit der Zunge über das Gesicht und wandte sich demonstrativ ab. Ungeachtet seines Desinteresses betrachtete ich durch das Fernglas jeden einzelnen Tupfen, seine weißen Schnurrhaare, seine leuchtend gelben Augen, sein seidig schimmerndes Fell, seine beeindruckende Schönheit.

Er ließ sich von dem Tumult um seine Anwesenheit nicht stören. Die aufgeregten kleinen Menschlein rissen sich darum, einen Blick auf ihn werfen zu dürfen. Ihn in seiner Wildbahn, in seinem einigermaßen authentischen Lebensraum zu betrachten: der Sri-Lanka-Leopard (sie nennen ihn kotiyā) ist nur hier auf der Insel zu finden.

Wir stellten uns die Frage, ob wir ein Teil der Lösung oder des Problems waren. Wir tippten auf Lösung. Immerhin sorgen die Eintrittsgelder für den Park dafür, dass sein Leben geschützt wird. Früher wäre er als Trophäe gejagt worden.

Es ist schon bizarr: erst knallt der Mensch diese Kreatur ab, später rauft er sich darum, sie mit der Kamera zu schießen und daheim seinen Lieben als Schnappschuss zu präsentieren. Aber immerhin bleibt so eine große Population seiner Artgenossen erhalten.

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Tempel

Wir haben uns tatsächlich nur einen Tempel angeschaut, aber dieser war natürlich ganz besonders! Dort gab es sogar eine Hölle. Und ich habe erfahren, dass Buddha einst auch als Löwe wieder geboren war.

 

Teeplantagen: Lipton’s Seat

Auf 2.000 Meter Höhe – nicht gewandert, dafür mit einem sehr bequemen, italienischen Tuk-Tuk hochgeschnauft, erlebten wir eine völlig andere Klimazone. Tagsüber war es kühl, die Luft schön klar und nachts bibberten wir vor Kälte.

Dort oben haben wir den Teepflückerinnen bei der Arbeit zugeschaut und deren routinierte Bewegungen bewundert. In respektvollem Abstand lächelten wir einander zu. Ich hatte schon vorher bemerkt, dass die Teeplantagen ganz akkurat geschnitten waren. Hier habe ich erfahren, warum. Sie arbeiten im Stehen, auf Hüfthöhe schneiden sie die frischen, grünen Blätter mit einer Art Handschaufelschere. Mit jedem Schnitt landen die Blätter seitlich auf den breiten Kufen, die gerade geformt wie eine Handschaufel die Ernte sammeln. Wenn links und rechts genügend Blätter darauf sind, wirft die Frau den Inhalt der Schaufel mit einer geübten Geste nach hinten in ihren Ernterucksack. Am Ende des Tages werden die vollen Säcke abgewogen und der aktuelle Tarif ausgezahlt. Die Arbeit erscheint mühsam, doch in dieser Plantage gab es auch social welfare, mit Krankenstation und Kindergarten. Mir fiel sogar eine Hebammen Station auf.

Ganz oben erwarteten wir eine grandiose Aussicht bis zum Meer hinunter. Der Blick fiel dann nicht ganz so spektakulär aus, da es sich am Nachmittag relativ schnell zu zog. Es war aber immerhin noch weit genug, um zu erahnen, warum der gute Mann regelmäßig hier hoch gewandert war. An seinem Stammplatz sitzt tatsächlich eine Bronzefigur aus Pappmaché. Sir Lipton, dem allerdings seine Teetasse abhanden gekommen war. Natürlich haben wir dort oben Lipton Tee getrunken. Ansonsten trinke ich den nie.
Der aromatische Duft des frischen Tees in Sri Lanka, Ceylon Tee, stieg mir in die Nase, auch unten im Tal. Wir alle kennen ihn. Noch nie hatte ich ihn so eindrücklich in meiner Umgebung vernommen. Der ganze Ort war erfüllt davon.

Stadt der Edelsteine

Nach dem Abenteuer im Hochland zog es uns wieder zurück an den Strand. Wir machten uns auf zur letzten Station vor unserem Abflug, nach Negombo. Diesmal gönnten wir uns einen Fahrer mit Minibus. Ich hatte ja eigentlich vor, Ratnapura, die Stadt der Edelsteine, zu besichtigen, doch den Plan hatten wir als zu umständlich verworfen. Nach einiger Zeit machte unser Fahrer in einem Ort eine zufällige Pause. Der Liebste wollte Kaffee. Welch Koinzidenz: wir standen mitten in Ratnapura. So landeten wir im Gems Museum und kamen als Saphirjäger wieder heraus.

Ayurweda

Im Spice Garden in Koggala wurden wir zu Ayurweda Anhängern. Hochwirksame Kräuter- und Pflanzenextrakte, Öle und Salben, für jegliche Beschwerden ein Mittelchen: beruhigendes Aloe Vera für die sonnenstrapazierte Haut, wohlriechendes Sandelholz zur Behandlung von Hautunreinheiten oder eine komplexe Mischung aus Jojoba, wilden Zwiebeln und Knoblauch und anderen Substanzen zur Haarentfernung. Rein und wertvoll und verblüffend heilsam.

Macht stark und schön

Macht stark und schön

Am letzten Tag gönnten wir uns alle eine komplette Ayurveda Behandlung. Vor der Behandlung wird erst einmal der Puls und Blutdruck gemessen, das Alter erfragt und in die Augen gesehen. Ein Lächeln hilft immer.
Vor der Massage fragte mich die noch unerfahrene Shaman, ob ich Christin sei und zeigte mir ihr juwelenbesetztes Kreuz am Hals. Dann balsamierte sie mich ein mit lauwarmem Öl und begann sachte mit der Massage. Zwischendurch erkundigte sie sich bei der umherschwirrenden Leiterin des Instituts, Doc, ob sie es richtig mache. Doc war ganz eindeutig der Boss. Das fand ich gut. Anfangs eher eine Streichelmassage, traute sich Shaman langsam spürbar mehr zu. So intim, und doch so respektvoll wurde ich noch nie von einer Fremden angefasst.

Im Anschluss ging es zum Steam Bath, das Dampfbad war bereit. Wie in einem Holzsarkophag lagen Blätter eines Akazienbaums darin. Im Inneren sammelte sich der Dampf, vermischte sich mit den Blattausdünstungen und drang dann in meine Haut ein.

Stirnölguss (Shirodhara)

Stirnölguss (Shirodhara)

Danach gab es belebenden Spice Tea und dann die letzte Prozedur, der Stirnölguss (Shirodhara). Dabei tröpfelte Shaman in regelmäßigen Ergüssen gut einen Liter erwärmtes Kokosöl über meine Stirn. Zuweilen ließ sie es auch in sanften Wellen über mein Haupt gleiten. Genauso regelmäßig zog sie heimlich ihre Nase hoch. Aus Respekt putzte sie sich nicht die Nase. Durch ihr leichtes Schnüffeln wusste ich immer, wo sie sich bei mir oder im Raum aufhielt.

Kontrastprogramm

Nach einem letzten Abendmahl war unser Familienurlaub mit den Freunden auch schon vorüber und wir saßen im Flieger gen Europa.

Auf unserem Zwischenstopp in Doha hatten wir fünf Stunden bis zum nächsten Flug. Die Zeit wollten wir genießen und checkten uns im Spa ein. Dort spendierte mir der Liebste eine Bali Massage. Herrlich kraftvoll und auflockernd, knetete mich die Masseurin zurecht. Verspannungen weggeschoben, aufgelöst, glatt gestreichelt. Danach fühlte ich mich frisch und belebt für die Heimreise.

In Berlin erwartete uns schönstes Winterwetter. Wir waren bestens vorbereitet. Von Cri&Pascal hatten wir wunderbar geschmeidige Kaschmirschals aus Nepal zum Geburtstag bekommen. Diese wärmten ganz vorzüglich. Außerdem hatten wir natürlich warme Sachen an und griffbereit ganz oben im Rucksack verstaut.

Der Kontrast könnte nicht schärfer sein. Die gute Laune hält weiterhin an. Ich bin sehr gut im neuen Jahr und hier in Berlin angekommen.

Happy new year, allerseits! 🙂

Schreibsplitter

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Nun habe ich Euch ja ganz schön lang warten lassen. Ein Blick auf die Statistik verrät mir, dass immer noch einige Interessierte jeden Tag auf eine neue Geschichte warten. Ich weiß, ich war lange weg, dabei war ich doch nur Obstbäume retten in Berlin!

Ab jetzt gibt es wieder Futter! Ich habe mich dazu entschlossen, die Schreibleidenschaft noch professioneller anzugehen und mich bei einer Autorenschule beworben. Dort hatte man nichts besseres zu tun, als mich aufzunehmen und so gebe ich jetzt neben vergessenen Obstbäumen auch meinen eigenen Texten wieder eine Stimme.

Hier ein kleiner Auszug dessen, was mir vergangenes Wochenende eingefallen ist, als wir ausgesandt wurden, Leute zu beobachten. Im Anschluß wurden dann per Los Orte des Geschehens vergeben und die unschuldigen Menschen zu Protagonisten erkoren und jeweils einzeln in kleine Geschichten verpackt:

Im Baumarkt

Gedankenverloren blätterte Detlef in seinem Outdoor Magazin. Da stach ihm eine bunte Holzlaterne ins Auge. „Sechzig Euro! Das ist ja Wucher! So was müsste man doch selbst bauen können“, dachte er bei sich und schaute sich die Konstruktion genauer an. Dem Bild nach zu urteilen war die Lampe ganz einfach gezimmert. Ähnlich konstruiert wie ein Vogelhäuschen, nur bunt angemalt. In der Mitte eine einfache Öffnung für eine Glühbirne. „Und dafür wollen die sechzig Euro haben“, murmelte er. „Da hole ich mir doch einfach ein paar Leisten aus dem Baumarkt und hämmere das Ding selbst zusammen.“ Energisch klappte er das Magazin zu und stapfte los. Am besten erledigte er das gleich. Er blickte auf seine schwarze Armbanduhr. Der Baumarkt in Wedding hatte heute bis zwanzig Uhr geöffnet. Wenn er sich gleich auf den Weg machte, konnte er noch schnell ein paar Holzlatten holen. Passende Nägel hatte er in seinem Werkzeugkasten, das wusste er. Dann würde er noch schnell ein paar bunte Holzfarben mitnehmen, das Ding lackieren und fertig. Oh, Harry wäre begeistert, wenn Detlef ihm seine Überraschung präsentierte. So könnten sie sich auf ihrem Berliner Balkon schon gedanklich auf die große Reise nach Thailand einstimmen. Vorsichtshalber riss er die Seite aus dem Magazin und faltete das Papier sorgfältig zusammen. Er steckte es in seine linke Hemdtasche und verschloss sie mit dem Hemdknopf. Noch einmal kurz mit dem Kamm über die hellgrauen Haare gekämmt, Geldbörse und Schlüssel geschnappt und los ging’s. Forschen Schrittes stapfte er zur U-Bahn. Nur vier Stationen und schon war er da.

„Wo bitte ist die Holzabteilung?“, fragte er gleich am Eingang einen Baumarkt-Mitarbeiter. Er wollte keine Zeit mit unnötiger Sucherei verplempern. „Den dritten Gang links runter, dann ganz hinten,“ wies ihm der junge Mann den Weg. Alles klar. In der Holzabteilung angekommen holte Detlef sein Muster aus der Hemdtasche. Er brauchte nur vier schmale Latten, die konnte er bestimmt einzeln kaufen. Er blickte sich kurz um und fand das Gesuchte sofort. „Passt perfekt“, freute er sich. Da knallte etwas gegen seine Waden. Vor Schreck fielen ihm die Holzlatten runter. „Autsch, was soll das?“, entfuhr es ihm. Er wirbelte herum und sah einen schnöseligen Knaben, der offenbar nichts Besseres zu tun hatte, als im Baumarkt mit seinem bekloppten Fußball herumzuballern. „Pass doch auf, du Milchbubi!“, schimpfte Detlef. „Ey, Alter, war ja nicht mit Absicht,“ nuschelte der pubertierende Junge und schnappte sich seinen weißen Fußball mit roten Sternen darauf. „Frechheit!“, rief ihm Detlef hinterher. Diese verzogenen Jugendlichen heutzutage wissen einfach nicht, was sich gehört. Er klaubte die Holzlatten wieder auf und machte sich auf den Weg zur Farbabteilung. Regenbogenfarben, die wollte er kaufen.

Da kugelte zwischen den Regalen schon wieder der rotbesternte Fußball hervor. Am liebsten hätte Detlef dem blöden Jungen eins ausgewischt und den Fußball versteckt. Warum eigentlich nicht? Der Junge war offenbar noch auf der Suche, also packte Detlef den Ball und legte ihn in ein Regal zwischen die Stromsparglühbirnen. Da würde der freche Bengel ihn so schnell nicht finden. Er setzte seinen Weg fort und lächelte den Jungen, der ihm nun suchend entgegen kam, maliziös an. „Haben Sie meinen Ball gesehen?“, fragte der Junge nun ganz höflich. „Nein, tut mir leid, Junge, da kann ich dir leider nicht weiterhelfen“, grinste Detlef. „Gott bestraft alle kleinen Sünden gleich“, dachte er und ging beschwingt zur Kasse.

Nimmt Madonna Drogen?

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Die nervige Heldin mit dem rebellischen Herzen schwelgt auf ihrem neuen Album in Drogenfantasien.

Ob Madonna wohl all die Drogen genommen hat, die sie auf ihrem neuen Album Rebel Heart beschwört? Nüchtern betrachtet lärmt beim ersten Reinhören ein teils beklemmend aufdringliches Gewummer, gepitschte Snares fliegen um die Ohren. Folgt man aber Madonnas Rat und versetzt sich in einen weichen Rauschzustand eröffnet sich eine neue Madonna-Sphäre. Wenn sie sich selbst zitiert aus ihren Anfängen als Minnie Maus auf Helium, um dann vor vuvuzelartigem Beat zu rappen, fragt man sich, welches Kraut sie geraucht hat, aber, verdammt, bei all dem enervierenden Geklatsche im Hintergrund bleibt der Track als echter Ohrwurm hängen. Wie mit einer Zeitmaschine in die grellen Anfangstage des Tekkno versetzt fühlt man sich, als sie dann auch noch einen anpeitschenden, kirmesartigen Elektroschrott auffährt, doch das Bang Bang funktioniert. Hinterrücks packt dich ein quengelnder Discobeat, sirenenartiges Schwirren setzt ein, eigentlich peinlich, doch es reißt dich mit und du gibst dich hin. Wer glaubt sie eigentlich, dass sie ist?? Bitch, she’s Madonna!

Bei einigen Stücken erahnt man bereits die fangefüllten Hallen mit Madonna auf einer Riesenbühne und bombastischer Live-Show. Lieder mit so typischem Madonna-Sound, dass einem als unlängst eher leidendem Madonna-Fan das Herz aufgeht. Das ist unsere Madonna, wie wir sie lieben, wie in Joan of Arc oder dem titelgebenden Rebel Heart. Natürlich darf man nicht vergessen, dass wir hier von Popmusik reden. Zeitlos schöne, eingängige Melodien und Hintergrundlala geben uns die beschwingte Madonna wieder.

Madonna nimmt es mit dem Teufel auf

Sing halleluja, darf nicht fehlen auf einer amtlichen Madonna-Platte. So erschallt es mitreißend, wie in Devil Pray. Darin gelingt es ihr sogar, den Teufel zum Beten zu bringen, das schafft nur Madonna.

Und dann haut sie uns epochale Hymnen wie Iconic um die Ohren und der treue Hörer springt verwirrt und erleichtert zugleich auf. Formvollendeter Dance-Pop – auch hier etwas zu überdreht, aber zu verkraften – mit Selbstzitaten aus Celebration mündet in einen gespenstisch berauschenden Klangteppich. Unterbrochen wird das hypnotische Spiel durch ein Cameo von Nas the Rapper. Ihre Referenz an die jugendlichen Hörer. Dann setzt der auftreibende, düstere Refrain wieder ein. Nicht schlecht.

In HeartBreakCity zeigt sie sich verletzlich wie nie und gibt gleichzeitig eine trotzig-meisterhafte Madonna-Ballade zum Besten. Wieder steigt das Bild von her Madgesty auf einer gigantischen Bühne vor dem geistigen Auge auf. Mit Nebelschwaden und blausilbern-gleißendem Licht, mindestens.

In ihrer vertrackt-verspielten Interpretation eines psychedelischen Liedes preist sie den Body Shop. Ich muss gestehen, dass ich ihre Message nicht kapiert habe, aber hier muss ich trotz oder wegen des Dauerklatschens im Hintergrund mitwippen. You can keep it overnight, you can do what ever you like, working overtime, working on your life, you work in a Body Shop. Hmm? Vielleicht ist es metaphorisch gemeint, aber die indischen Anklänge lassen eher an eine Meditationsübung denken. Ich tauche ein in das sphärische yeahyeah und erfreue mich am Glasperlenspiel.

Sie will doch nur provozieren

Mit ihrer speziellen Sichtweise von Holy Water bedient sie sich wieder ihrer schmutzigen Fantasien. Blasphemische Anspielungen auf Weihwasser, gewürzt mit Zitaten aus Strike a Pose, erinnern die Welt an gestrige und heutige Skandale.

Eine aus tausendundeiner Nacht greift sie heraus, um sie zur besten aller Nächte zu versprechen. Im Hintergrund zu Best Night nörgelt eine Schlangenbeschwörerflöte, während Madonnas klare Stimme mit Anleihen aus Justify my Love verzaubert. Ein weiterer verboten erotischer Knüller gelingt ihr auch mit dem klassischen Madonna-Titel: S.E.X. Heimliche Kniffe, verspieltes Downtempo, freche Samples, verführerisch neckend zählt uns M auf, was ihr alles Spaß bereitet, huch, rotwerd. Die Frau meint es ernst.

Erwartungen nicht erfüllt, trotzdem triumphiert

Dramatisch wird es in Messiah. Definitiv ein echter Madonna-Knaller. Sie schafft es einfach, mit ihrer eindrücklichen Stimme, theatralischem Text und sehnsüchtig gebrochenem Herzen zu fesseln. Sie macht weiter, kündigt sie an: „Till you wake up and you’ll find that you love me too!“. Word. Ein herzzerreißendes Orchester wie in Frozen rechtfertigt ihren Stammplatz im Pop-Olymp.

Mit Wash all over me versöhnt sich die Königin mit ihren darbenden Jüngern, die seit den neunziger Jahren ihre alte Madonna wieder haben wollten. Sie reicht ihnen eine wegweisende Ballade, wie sie nur die Göttin herself darbieten kann. Ähnlich eingängig auch „Let me love you from the inside out“.

Insgesamt wechselt sich dark and dirty ab mit poppigen Schmachtfetzen, knatterndes Wummern mündet in poetischen Streichern. Was zuweilen als wildes Wirrwar beginnt, verbindet Madonnas überraschend pure Stimme mit elegischen Geigen, orchestrale Dramatik wird getoppt durch hymnischen Dreivierteltakt und spitzt sich zu in elektronischer Endlosschleife und rotzigem yeah. Yeah! Wieder ein Statement.

Mit ihrem dreizehnten Studioalbum hat Madonna ihren Titel als Queen of Pop würdig verteidigt. Indes kein leichter Sieg, wie sie sich selbst gewiss ist. Veni Vidi Vici, sie sagt es. Neue Hörer wird sie damit vermutlich nicht begeistern. Aber ein paar heimliche Fans berauschen sich bestimmt daran, bitch.

 

Update: Zufällig fand ich dieses unveröffentlichte Werk, welches ein paar richtig gute Stücke enthält. Schade eigentlich, dass die Queen das nicht veröffentlich hat:

Besuch am kältesten Punkt des Universums

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Eigentlich bin ich ja eher für meine Vorliebe für wärmere Gefilde bekannt, wie etwa die Tropen und Australien. Doch dieser Einladung konnte ich nicht widerstehen: Unsere Freunde in Genf organisierten für uns einen Besuch im weltbekannten Schweizer CERN Kernforschungsinstitut. CERN steht für „Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire“, übersetzt also Europäische Organisation für Kernforschung. Die Großforschungseinrichtung liegt in der Nähe des Ortes Meyrin im Kanton Genf in der Schweiz an der Grenze zu Frankreich. Es ist eines der größten und renommiertesten Zentren für physikalische Grundlagenforschung der Welt.

Das riesige Gelände liegt idyllisch zwischen grünen Wiesen und grasenden Kühen und wirkt auf den ersten Blick eher wie eine Lagerhalle. Bereits beim Eingang ahnt man aber, dass es sich hier um etwas Besonderes handeln muss, denn ohne Besucherausweis und Personenkontrolle ist es nicht möglich, den Hochsicherheitstrakt zu betreten. Francesca, die Cousine unserer Freundin Cri, arbeitet dort als Physikerin und war gern bereit, uns ein wenig herumzuführen. Nachdem wir die Eingangskontrolle hinter uns gelassen hatten, befanden wir uns auch schon im Kontrollzentrum, wo die Ergebnisse der Untersuchungen ausgewertet werden. An einem gewöhnlichen Freitag saßen etwa zehn Wissenschaftler vor ihren Bildschirmen und starrten auf unzählige, riesige Monitore, die einzelne Ausschnitte kleinster Explosionen zeigten. Beeindruckend. Und auch ein bisschen verwirrend, denn zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht so genau, was da eigentlich genau vor sich ging.

Forschung hundert Meter unter der Erde

Ausgestattet mit Schutzhelmen und Besucherausweis fuhren wir dann mit einem Aufzug hundert Meter in die Tiefe. Wir Taucher überlegten uns derweil, ob man wohl einen Druckausgleich machen müsste, aber das war natürlich nicht nötig, weil sich ja der Druck nicht veränderte. Vor dem Zugang zum Heiligsten, dem Teilchenbeschleuniger, ging es dann zu wie bei James Bond. Francesca verschwand hinter einer Schleuse und hielt ihr linkes Auge vor einen Augenscanner. Dieser überprüfte in wenigen Sekunden ihre Pupillenmerkmale und öffnete dann eine weitere Schleuse. Francesca verriet uns, dass sie aus Spaß schon mal versucht hatten, das System auszutricksen. Sie wollte demnach mit dem Ausweis ihrer Kollegin die Schleuse durchqueren, scheiterte aber am Augenscanner. Also können Mitarbeiter tatsächlich nur mit ihrem eigenen Ausweis und nach Kontrolle ihres linken Auges die Kontrolle passieren. Wow.

Kollisionen in Lichtgeschwindigkeit

Jetzt wurde es richtig surreal. Wir überwanden mit Francescas Hilfe diese weitere Zugangskontrolle und standen in einer Halle, so groß wie eine Kathedrale. Diese beherbergte einen gigantischen Teilchen-Detektor für das weltgrößte wissenschaftliche Instrument: ein Teilchenbeschleuniger mit einem Umfang von 27 Kilometern – der LHC, Large Hadron Collider. Der LHC ist der leistungsstärkste Teilchenbeschleuniger, der je gebaut wurde. Hier suchen Forscher nach den fundamentalen Gesetzen des Universums. Im CERN werden die weltweit größten und komplexesten Geräte genutzt, um die kleinsten Bestandteile der Materie zu erforschen: die Elementarteilchen.

Die Geräte, die CERN zu diesem Zweck einsetzt, sind Teilchenbeschleuniger und Detektoren. Die Beschleuniger bringen die Teilchen auf hohe Energien, bevor sie aufeinander treffen. Die Detektoren beobachten und erfassen die Ergebnisse dieser Kollisionen. Indem sie die Kollisionen von Elementarteilchen untersuchen, gewinnen die Wissenschaftler wertvolle Erkenntnisse über die Naturgesetze.

Kälter als der Weltraum

Etwa 10.000 Wissenschaftler aus 85 Nationen versuchen, die wichtigste Frage überhaupt zu beantworten: Aus was genau sind wir gemacht? Die Protonen im LHC werden auf 99,9998% der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, in zwei Teilchenstrahlen, die sich in entgegen gesetzter Richtung bewegen. Tausende sehr starker supraleitender Magnete leiten den Protonenstrahl um den riesigen Ring und bündeln sie auf einen Fleck, der kleiner als ein menschliches Haar breit ist – fertig zum Crash miteinander. Diese supraleitenden Magnete arbeiten bei -271° Celsius: kälter noch als der Weltraum. Der LHC ist das größte jemals errichtete Tieftemperatur-Kühlsystem.

Der Zusammenprall erzeugt so viel Energie, das Teilchen, die seit dem Urknall vor etwa vierzehn Milliarden Jahren ausgestorben sind, flüchtig wiedererscheinen, wie etwa das Higgs-Teilchen. Diese Ur-Teilchen überleben nur einen winzigen Bruchteil einer Sekunde, bevor sie in Schauern von bekannteren Teilchen zerfallen. Mit ultraschnellen, ultragenauen Detektoren und modernster speziell angefertigter Elektronik werten die Wissenschaftler oben im Kontrollzentrum diese Kaskaden aus. Ein gigantisches Feuerwerk winzigster Teilchen. Atemberaubend.

Das Zusammenspiel der Detektoren wirkt wie eine 12.500 Tonnen schwere Digitalkamera mit 100 Millionen Pixeln, die 40 Millionen Mal pro Sekunde ein 3-D-Bild der Kollision aufnimmt. Jede Sekunde wird insgesamt ein Terrabyte Daten erzeugt. Das ist in etwa die gleiche Datenmenge, wie die Namen und Adressen aller Menschen auf dieser Erde. Francesca hat Kollegen im Team, die ein halbes Wissenschaftlerleben lang ein einziges Bild auswerten. Unglaublich. Alle diese Daten zu verarbeiten und zu speichern ist einfach nicht möglich. Deshalb filtert die leistungsfähige Elektronik die Datensignale so, dass jede Sekunde nur die Ergebnisse von den hundert interessantesten Kollisionen gespeichert werden.

Wir hatten Glück, denn bei unserem Besuch war der Teilchenbeschleuniger aufgrund von Wartungsarbeiten geöffnet. So konnten wir einen Blick werfen in das Innerste des Teilchenbeschleunigers, wo die Teilchenkollisionen stattfinden. Von hier erhoffen sich die Wissenschaftler grundlegend neue Erkenntnisse über die Entstehung und Zusammensetzung unseres Universums. Uns hat dabei die Frage beschäftigt, ob man sich wohl eines Tages durch die Kraft der Beschleunigung an zwei Orten gleichzeitig aufhalten kann. Das ist zwar leider noch nicht möglich, wäre aber für mich eine sehr attraktive Erfindung, die ich gern nutzen würde. Könnte ich damit endlich alle Freunde auf der Welt auf einmal besuchen. Bis dahin wird aber noch eine Weile geforscht werden müssen. Wenn nicht doch aus Versehen die Befürchtungen mancher Kritiker wahr werden und ein schwarzes Loch entsteht, welches Genf, die Schweiz, Europa und schließlich die ganze Welt verschluckt, werden wir alle von den Forschungsergebnissen profitieren. So jedenfalls die Hoffnung der rund zehntausend Wissenschaftler um Francesca.

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Geburtstagsgeschenk von mir für mich

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Zu meinem Geburtstag habe ich mir dieses Jahr selbst ein Geschenk bereitet: eine Veröffentlichung im E-Book „Tausend Tode schreiben“. Ich habe eine Kurzgeschichte eingereicht, die ich ihn ähnlicher Form vor fast genau einem Jahr hier gepostet habe – ein Traum, den ich während meiner Zeit in Australien am Todestag meiner Mutter hatte. Damit hatte ich gleich eine passende Geschichte zum Thema „Tod“ parat.

Tausend Tode schreiben ist die erste Fassung eines groß angelegten Projekts. Die Idee war, dass tausend Autoren tausend kurze Texte über den Tod schreiben: Persönliche Begegnungen, wissenschaftliche Betrachtungen, Fiktion. Diese vielfältigen Texte sollen zusammenwirken als ein transpersonaler Text, der – so die Annahme – einiges über das aktuelle Bild des Todes in unserer Gesellschaft verraten wird.

Und das hier war mein Beitrag:

Die kleine barocke Dorfkirche hatte ich lange nicht mehr besucht. Als Kind war ich hier regelmäßig gewesen, hatte den goldenen Altar, die reich verzierten Putten und bunten Heiligenbilder bewundert. Oft hatte ich mir ausgemalt, wie ich als Maria mit Schwangerenbauch dringend einen Schlafplatz suchte und dann im Stall mit den Schäfchen kuscheln würde. Oder wie Jesus vom Kreuz stieg und mir tief in die Augen sah. Manchmal war ich so in meine eigenen Geschichten versunken gewesen, dass ich die Predigt verpasste und erst durch die Unruhe vor der Kommunion wieder aus meiner Gedankenwelt auftauchte. Ich war lange nicht mehr hier gewesen, war fort, in die große Stadt gezogen. Die kleine Dorfkirche war hier geblieben und öffnete ihre Pforten für mich nur noch zur Taufe und Beerdigung von Verwandten, zuletzt zur Beerdigung meiner über alles geliebten Großmutter.

Mit meinen blauen Stöckelschuhen, der engen weißen Hose und dem türkisfarbenen Spaghettiträger-Shirt bin ich, obwohl ich die Farben der heiligen Maria trage, unpassend für einen Kirchbesuch gekleidet.

Die Messe ist gut besucht, es muss wohl ein wichtiger Anlass sein. Es riecht nach Kerzen und Weihrauch. Ich stehe inmitten einer Gruppe Gläubiger, die gerade die heilige Kommunion empfangen haben. Alle tragen Schwarz. Offenbar habe auch ich das heilige Sakrament entgegengenommen, obwohl ich doch seit Jahren nicht mehr dazu gehöre. Ist das nicht Sünde? Ich bekreuzige mich, mache einen Knicks und wende mich ab, um in einer der Bänke hinter mir noch einen Sitzplatz zu ergattern. Ah, dort ist noch etwas frei, ich quetsche mich Entschuldigungen murmelnd hinein. Durch die hohen Kirchenfenster fällt Regenbogenfarbenlicht auf meine betenden Hände. Jetzt noch Engel, und ich bin im Paradies.

Der Kirchenchor stimmt ein feierliches Lied an. Ich erkenne die Melodie und singe unwillkürlich mit. Der vertraute Gesang lässt tief verborgene Empfindungen in mir aufleben. Eine engelsgleiche Stimme neben mir macht mich glücklich und zugleich traurig. Ich blicke auf meine Sitznachbarin und erkenne meine Mutter, wie sie da sitzt und strahlt – ihr blondes Haar, als wäre nie etwas gewesen, als hätten wir nicht auch sie hier beerdigt. Neben ihr mit hell leuchtender Aura meine Oma, sie sagt meinen Namen und dass sie sich freut, mich zu sehen. Ihr gütiges Lächeln breitet sich aus, über mir, wie eine Umarmung. Ich wache auf.