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Auf der alten Handelsstrasse zwischen Tibet und Indien durchqueren wir das tiefste Tal der Welt und wandeln auf den Spuren des Yeti. 

Kali Gandaki, ein Fluss durchtrennt den Himalaya

Ein Jeep mit Allradantrieb ist das passende Gefährt für die abenteuerlichen Buckelpisten. Man schaukelt voran auf unbefestigten Strassen, die jeder Beschreibung spotten, und die Insassen wünschen lassen, sie trügen Helme – im Auto. Wie ein ausgefranster Saum zieht sich der Geröllweg eine steile Felswand entlang. Beim Blick hinunter könnte einem angst und bange werden. Unter uns verengte sich der Abgrund zu einer tiefen Schlucht: das Flussbett des Kali Gandaki bildet das tiefste Tal der Welt. Hier verlief die alte Handelsroute zwischen Tibet und Indien.   

Kali Gandaki

Zwischen Kalopani und Larjung, dort wo das Tal den Hauptkamm des Himalaya durchschneidet, liegt auf ca. 2.540 m die Sohle des tiefsten Tales der Welt. Der Höhenunterschied zwischen der Talsohle und dem westlich liegenden Gipfel des Dhaulagiri (8.167 m) beträgt dort mehr als 5.600 Meter. 

Das schier Unvorstellbare daran: der Fluss war schon da, bevor die Natur beschloss, das höchste Gebirge der Welt zu schaffen und die Berge nach oben schob.

Die Dörfer im Mustang wirken wie aus der Zeit gefallen. An der Grenze zu Tibet gelegen und eng damit verwoben, hat sich „little Tibet“ seine Ursprünglichkeit bewahrt.
Die mittelalterlich anmutenden Häuser aus weiss getünchtem Mauerwerk und behauenem Stein vom nahe gelegenen Flussbett schmiegen sich an den Bergrücken wie eine Horde Ziegen, die Schutz sucht. Aufgetürmte Holzbalken auf den Dächern künden von eisigen Wintern.
Überall flattern bunte Gebetsfahnen und tragen Wünsche und Sehnsüchte in den Wind. Am Ende der engen Gassen winken die hohen Berge, wie ein Onkel, der sich immer ins Bild mogelt. 

Hinter Jomsom, wo sich der Flughafen nach Mustang befindet, der die Flieger empfängt, die mitten durch den Himalaya brausen, liegt ein spektakulärer Bergsee, der Dhumba See. Der Sage nach ist der See heilig und wird vom König der Kobras bewohnt, dem Seelenverwandten von Lord Shiva. Die schneebedeckten Gipfel der siebentausender Nilgiri Berge spiegeln sich im klaren Wasser. Es ist unwirklich schön. 

Dhumba

Nachdem man das Flussbett des Kali Gandaki hinter sich gelassen hat, erreicht man Kagbeni, das Tor zu Mustang auf 2.800 Metern Höhe. 

In diesem Winter lag dort so viel Schnee wie seit Jahren nicht mehr. Noch immer türmten sich meterhohe Schneemassen auf den schmalen Wegen. Die hartgesottenen Einheimischen sammelten den Schnee auf Handkarren und zogen diese ans Ende des Dorfes, um ihn dort die Schlucht hinunter zu stürzen. Wochenlang war kein Durchkommen, die ohnehin schwierigen Strassen unpassierbar.
Wir waren eine der ersten, die auf der gerade wieder frei geschmolzenen Strasse zum heiligen Tempel hinauf fahren konnten.
Die an sich schon sagenhafte Gegend wirkt mit Schnee verziert wie ein leckeres Eis mit Sahne. Die Eiskristalle funkeln in der Sonne und lassen den blauen Himmel, die schneebedeckten Berge und Täler mit den winzigen Dörfern aussehen wie eine Fototapete.

Man kann sich gut vorstellen, wie der sagenumwobene Yeti in sein wärmendes Fell gehüllt über die Gipfel steigt. Ich hätte mir auch ein Yetifell gewünscht, denn in den Nächten war es dort oben im Mustang bitterkalt. Zum Glück hatten wir unsere Wärmflasche dabei. 

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Zur Pilgerfahrt nach Muktinath

Muktinath (3.760 Meter) ist mit seinen groben Betonklotzbauten ziemlich häßlich. Doch die verschneite Traumlandschaft verlieh auch diesem Ort etwas Zauberhaftes. Im Tempel, einem der wichtigsten Pilgerorte im Himalaya, strömt Erdgas in Form einer blauen Flamme aus, was dem Ort eine mystische Bedeutung verleiht. Jährlich strömen tausende hinduistische Pilger hierher, um sich unter den 108 Wasserspeiern des heiligen Tempels von ihren Sünden freizuwaschen. Vorsichtshalber habe auch ich den Bußgang unter das eiskalte Gletscherwasser gewagt. Im strahlenden Sonnenschein waren die Minusgrade gar kein Problem. 

Hinterher wanderten wir den Berg noch etwas weiter hinauf zum buddhistischen Kloster (Gompa). Die Religionen leben hier in friedlicher Koexistenz nebeneinander. 

Im Kloster setzten wir uns für einen Moment in den Lotussitz, um zu meditieren. Ich schwöre, als ich die Augen schloß, spürte ich eine besondere Energie durch mich hindurchfliessen.
Dann wurde ich abgelenkt durch das eigentümliche Brummeln eines buddhistischen Mönchs, der um uns herum schwirrte und, fröhlich Gebete murmelnd, den heiligen Schrein abstaubte. 

Mit göttlicher Energie gestärkt machten wir uns dann durch Schnee und Eis auf den Weg zur Unterkunft in Chongur, 45 Minuten Fussmarsch. Hier war es unmöglich, mit dem Fahrzeug voranzukommen. 

Am Abend erfüllten die Glöckchen der Ziegen die Dörfer. Sie weiden tagsüber auf den Grasflächen im Hochgebirge, nachts schlafen sie in den Ställen. Jedes Tier weiß ganz genau, wo es hingehört. Sie meckern vor der Tür ihrer Besitzer, bis sie eingelassen werden. 

Gebirgslandschaft wie auf dem Mond

Mit Hängebrücken über schwindelerregend tiefe Felsspalten, die verschneite Landschaft entlang, als Kulisse die Annapurnas und davor das karge Hochgebirge wie auf dem Mond, so präsentierte sich die Landschaft auf der Wanderung von Chongur nach Kagbeni. Fast fünf Stunden brauchten wir dafür — länger, als gedacht, weil wir vor lauter Staunen und Fotografieren kaum vorankamen. 

Die Aussicht auf die Annapurna Reihe aus Sieben- und Achttausendern ist so unfassbar schön, es ist kaum auszuhalten. Das muss man sich mal vorstellen: man ist schon auf fast Viertausend Metern Höhe und die Berge sind noch einmal so hoch! Wie Staubkörner wirken wir kleine Menschlein im Angesicht dieser Giganten. 

Göttliches Zeichen: Shaligram

Umso erstaunlicher ist es, dass ich in der Steinwüste ein Shaligram fand: ein schwarzer Stein mit der Versteinerung eines Fossils darin, wartete seit Jahrmillionen darauf, von mir gefunden zu werden.
Ja, da war doch was: diese gigantische Landschaft lag einst unter Wasser. Das Shaligram hat noch eine weitere Bedeutung: es gilt als Reinkarnation von Vishnu, die Manifestation des Höchsten.

Auf den Hund gekommen 

Die drolligen Hunde aus unserer Unterkunft begleiteten uns begeistert schnüffelnd und übermütig umherspringend auf unserer Wanderung. Doch als wir in Kagbeni in den Jeep stiegen, und nach Jomsom brausten, blieben sie keineswegs brav zurück. Oh nein, sie rannten uns hinter, hielten in der aufwirbelnden Staubwolke das Tempo! Schliesslich stieg einer unserer Kollegen aus und scheuchte sie davon, damit sie wieder nach Hause fänden. Widerwillig trotteten sie davon. Schnell fuhren wir weiter, ohne uns noch einmal umzusehen. Wie eine Staubwolke legte sich Traurigkeit auf unsere eben noch so heiteren Gemüter. Der Staub brannte in den Augen. Habe ich schon gesagt, dass die Strassen in Nepal zum Heulen sind?