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Schon mal auf dem Motorrad eingeschlafen? Auf einer aalglatten Straße, wie ich hier in Nepal niemals zu träumen gewagt hätte, döse ich auf dem Sozius ein.

Dabei hätte ich nie im Traum daran gedacht, dass ich jemals mit einer Motorradgang durch Nepal düsen würde. Wie komme ich überhaupt zu einer Motorradgang? 

Die wilde Truppe formiert sich aus Mr. Boss, seinem Team und Kollegen der Partnerorganisation. Das Team hatte kühn behauptet, bei der Tour über 200 Kilometer an einem Tag mit dem Motorrad fahren zu wollen. 200km? An einem Tag? Auf diesen Straßen? Unmöglich! Das musste ich mir ansehen. 

Das beste Gefährt für eine solche Tour ist eine die Royal Enfield 500cc, ein indisches Motorrad, das selbst eingefleischte Motorradhasser wie mich mit seinem eigentümlich blubbernden Motorsound beeindruckt. 

Ausgeliehen bei einem Schlitzohr in Thamel, der sich nicht darum schert, dass Motorräder eigentlich nicht mehr an Ausländer verliehen werden dürfen, und ausgestattet mit Staubmaske und staubgeschützten Seesäcken machen wir uns auf den Weg. 

Kaum liegt das Kathmandu Valley hinter uns, ist es auch schon Zeit für das Mittagessen. Denn Mittag ist hier schon um halb elf. Gut gestärkt mit Dal Bhat, dem Nationalgericht, sind wir bereit für die große Fahrt. Mit Vorfreude sitzen wir im Sattel doch dann – bockt die Enni. 

Nach 50 km gibt das Motorrad den Geist auf. Sämtliche Versuche der gesamten Motorradgang bleiben erfolglos. Das Ding gibt keinen Mucks mehr von sich. Zum Glück liegt die Strasse runter eine Motorradwerkstatt. Der emsige Mechaniker probiert über eine Stunde alle Tricks und Kniffe, befeuert von guten Ratschlägen des halben Dorfes. Während sich die Jungs an dem Motorrad zu schaffen machen, schlafe ich auf der Werkbank ein. Als ich wieder erwache, kommt die Nachricht, dass wir eine neue Enni bekommen. Wir warten am Ufer eines Flusses, wo sich die Jungs einen irrsinnigen Spass daraus machen, riesige Steine ins Wasser plumpsen zu lassen, um sich gegenseitig nasszuspritzen. Schließlich tuckert ein Angestellter des Motorradverleihers, der Boy, wie man hier sagt, heran und überlässt uns eine neue Enni: zwar kleiner als die andere, aber rot. Passt.

So beginnt endlich die große Motorradtour und sie führt uns auf die schönste Strasse, die ich jemals in Nepal gesehen habe. Die Einheimischen nennen sie die Green Road, weil sie mit lokalem Material nachhaltig gebaut wurde. Darauf gibt es keine Buckel und keinen Staub. Sie wirkt wie eine europäische Autobahn, führt über Serpentinen weich fliessend auf und ab. Ich bekomme einen Geschwindigkeitsrausch bei 50km/h. 

Aber warum ist diese Strasse so wunderbar anders als alle anderen Strassen des Landes? Die Erklärung ist einfach: diese Strasse führt nach Solukhumbu, die Region, wo der Mount Everest steht. Sie ist also für die Touristen so fein gemacht. Auch wir sind heute Touristen und freuen uns über den Ausblick auf das Flussbett des Sunkhoshi River, der in Tibet entspringt und in den Ganges mündet. Wie im Traum sausen wir dahin, lassen Kilometer um Kilometer und den Tag hinter uns.  

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Sternenhimmel – unter uns, vor uns, über uns

Ist das eine neue Sternenformation vor uns im schwarzen Nachthimmel? Aber nein, das muss eine Ansiedlung sein, dort oben in den Bergen, wo die immer gleiche, grelle Stromsparlampe in einzelnen Hütten blendet. Die Grenze zwischen Himmel und Erde ist fliessend. Alles ist schwarz, überall Nacht. 

Unter uns im dunklen Strom des Flusses, den wir immerzu kreuzen, spiegeln sich die Lichter der Dörfer. Die Sterne funkeln unter, vor und über uns. Es wirkt, als brausten wir über den Sternenhimmel hinweg.

Von Staub zu Spritz

Irgendwann verschlechtert sich die feine Straße zur üblichen staubigen Buckelpiste. An einer kniffligen Stelle durchqueren wir den Fluss. In der Dunkelheit ist die Tiefe schlecht auszumachen, mit Herzklopfen gelangen wir sicher auf die andere Seite.

In einem Kaff am Ende der Welt ereignet sich die nächste Panne. Ein Kollege hat einen platten Reifen. Wir warten in dem spärlich beleuchteten Dorf, dass er sein Motorrad repariert. Endlich ist er fertig, doch dann muss nachts um halb elf unbedingt noch einmal angehalten werden – die Kollegen brauchen doch ihren Reis. In der Ecke eines kläglichen Imbisses an der Strasse liegt ein kleiner Junge, nur mit einem Hemdchen bekleidet, schlafend auf einer abgewetzten Decke. Sein nackter Po wirkt schutzlos in dem kalten Neonlicht.

Nachts durch den Himalaya

Die letzte Strecke bis zu unserem Tagesziel Halesi schlängelt sich aufreizend steil bergauf. Bald haben wir mehr als 220 Kilometer geschafft. Die Fahrbahn ist stellenweise sandig oder von unzähligen Schlaglöchern zerklüftet. Wir blicken hinab in das Sternental. Mal links, mal rechts lauert der Abgrund. Keine Leitplanken.

Friedliche Koexistenz der Religionen

Am nächsten Tag stehen wir früh auf, um noch vor dem Frühstück den wichtigsten Tempel der Region zu besichtigen: der Halesi Tempel gilt als „Pashupatinath des Ostens“ und ist eine heilige Stätte des Hinduismus. Schön zu sehen, wie hier Hinduismus und Buddhismus friedlich nebeneinander existieren. Links Hindus, rechts ein buddhistisches Kloster, alles easy. Hinter der Tempelanlage befindet sich eine riesige Höhle. Darin soll sich Shiva einst vor bösen Dämonen versteckt haben. Man steigt eine steile Treppe hinab und in einem dunklen Gewölbe viele, viele Stufen empor. In der Dunkelheit quietscht und flattert es, wir erahnen die Anwesenheit tausender Fledermäuse.

Traum von der Schweiz

Mittags gibt’s wie immer: Dal Bhat. Also ein Haufen weißer Reis mit Linsensuppe, dazu Blumenkohl und Mangold. Wenn man Glück hat, schmeckt es lecker und es gibt eine gute Chillisosse dazu.

Frauen mit zerfurchten Gesichtern tragen traditionellen Goldschmuck und einen riesigen runden Nasenring. Ich frage mich, wie sie essen können, wo das Schmuckstück sogar bis zur Oberlippe herab hängt.

Sie sind meist in leuchtendes Rot gehüllt, knielange Kleider mit hohen seitlichen Schlitzen, häufig mit Glitzerstickerei verziert, darunter Puffhosen. Und fast alle haben eine dieser langen Ketten um aus glänzenden Glasperlen, in rot oder grün. Meist legen sie auch ein Tuch vor der Brust um die Schultern, sie tragen es genau anders herum, als wir es tun.

Gebückt laufende ältere Herren tragen weite Hosen mit Flatterhemd und Weste und den nepalesischen Nationalhut auf dem Kopf, das Topi.

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Schliesslich gelangen wir nach Jiri, in „die Schweiz Nepals“, 215 Kilometer entfernt vom Ausgangspunkt. Die bewaldeten Berghänge auf 2000 Metern Höhe erinnern tatsächlich an die tiefgrüne Landschaft in Europa, zumal sie dem Himalaya vorgelagert noch nicht von den eisbedeckten Gletschern gesäumt sind und somit einen unverstellten Blick auf die Landschaft und den strahlen blauen Himmel bieten. Statt Reis wachsen hier Pinien und Tannen, wir fahren durch dichten Wald und saugen die klare Luft tief ein.

Wunderschön blau gefiederte Vögel fliegen vorbei, ein Affe sitzt am Wegesrand. Das Knattern der Enni übertönt abertausende Zikaden, es wirkt, als kreischte der Wald vor Freude.

Wir gastieren im „Hotel Zurich View“, einem knallpinken Gebäude mit bunten Wimpeln davor, die im Wind flattern. Am nächsten Tag lassen wir die Schweiz auf uns wirken, dann müssen wir schon zurück nach Kathmandu. 

Die Mittagspause verbringen wir wieder in einem typisch nepalischen Restro mit Plastikstühlen und schrecklicher Musik. Hier gibt es das neue Trendgetränk aus Deutschland, das behauptet, das Einzig wahre Bier zu sein. Ich entscheide mich für Cola in der Glasflasche. Aber ohne Strohhalm. Ich möchte nicht noch mehr Plastik in der ohnehin zugemüllten Landschaft hinterlassen. So schön die sanft geschwungenen Berge mit dem saftigen Wald aus der Ferne auch aussehen, so wütend und traurig macht mich jeder Blick auf den Boden, wo überall Plastikmüll rumliegt und auch in den Flüssen unnormal bunte Fetzen schwimmen.

Auf dem Rückweg nehmen wir eine andere Strecke, um nicht den gleichen Weg zweimal zu fahren. Hätten wir nur gewusst, was da auf uns zukommt. Diese Strasse steht im harten Kontrast zur modernen Autobahn. Wir tuckern stundenlang einen buckeligen Feldweg hinunter, überholen dabei lokale Reisebusse und tonnenschwere Lastwagen, die eine schier undurchdringliche dicke Staubwolke hinterlassen. Schade, dass es hier keine ordentliche Strasse gibt. Die Logik dahinter: Keine Touristen, keine Strasse. 

Mit Staub im Gesicht, aber die Schweiz im Herzen, erreichen wir am Abend das übliche Verkehrschaos Kathmandus und haben tatsächlich 222 Kilometer geschafft.