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Die nervige Heldin mit dem rebellischen Herzen schwelgt auf ihrem neuen Album in Drogenfantasien.

Ob Madonna wohl all die Drogen genommen hat, die sie auf ihrem neuen Album Rebel Heart beschwört? Nüchtern betrachtet lärmt beim ersten Reinhören ein teils beklemmend aufdringliches Gewummer, gepitschte Snares fliegen um die Ohren. Folgt man aber Madonnas Rat und versetzt sich in einen weichen Rauschzustand eröffnet sich eine neue Madonna-Sphäre. Wenn sie sich selbst zitiert aus ihren Anfängen als Minnie Maus auf Helium, um dann vor vuvuzelartigem Beat zu rappen, fragt man sich, welches Kraut sie geraucht hat, aber, verdammt, bei all dem enervierenden Geklatsche im Hintergrund bleibt der Track als echter Ohrwurm hängen. Wie mit einer Zeitmaschine in die grellen Anfangstage des Tekkno versetzt fühlt man sich, als sie dann auch noch einen anpeitschenden, kirmesartigen Elektroschrott auffährt, doch das Bang Bang funktioniert. Hinterrücks packt dich ein quengelnder Discobeat, sirenenartiges Schwirren setzt ein, eigentlich peinlich, doch es reißt dich mit und du gibst dich hin. Wer glaubt sie eigentlich, dass sie ist?? Bitch, she’s Madonna!

Bei einigen Stücken erahnt man bereits die fangefüllten Hallen mit Madonna auf einer Riesenbühne und bombastischer Live-Show. Lieder mit so typischem Madonna-Sound, dass einem als unlängst eher leidendem Madonna-Fan das Herz aufgeht. Das ist unsere Madonna, wie wir sie lieben, wie in Joan of Arc oder dem titelgebenden Rebel Heart. Natürlich darf man nicht vergessen, dass wir hier von Popmusik reden. Zeitlos schöne, eingängige Melodien und Hintergrundlala geben uns die beschwingte Madonna wieder.

Madonna nimmt es mit dem Teufel auf

Sing halleluja, darf nicht fehlen auf einer amtlichen Madonna-Platte. So erschallt es mitreißend, wie in Devil Pray. Darin gelingt es ihr sogar, den Teufel zum Beten zu bringen, das schafft nur Madonna.

Und dann haut sie uns epochale Hymnen wie Iconic um die Ohren und der treue Hörer springt verwirrt und erleichtert zugleich auf. Formvollendeter Dance-Pop – auch hier etwas zu überdreht, aber zu verkraften – mit Selbstzitaten aus Celebration mündet in einen gespenstisch berauschenden Klangteppich. Unterbrochen wird das hypnotische Spiel durch ein Cameo von Nas the Rapper. Ihre Referenz an die jugendlichen Hörer. Dann setzt der auftreibende, düstere Refrain wieder ein. Nicht schlecht.

In HeartBreakCity zeigt sie sich verletzlich wie nie und gibt gleichzeitig eine trotzig-meisterhafte Madonna-Ballade zum Besten. Wieder steigt das Bild von her Madgesty auf einer gigantischen Bühne vor dem geistigen Auge auf. Mit Nebelschwaden und blausilbern-gleißendem Licht, mindestens.

In ihrer vertrackt-verspielten Interpretation eines psychedelischen Liedes preist sie den Body Shop. Ich muss gestehen, dass ich ihre Message nicht kapiert habe, aber hier muss ich trotz oder wegen des Dauerklatschens im Hintergrund mitwippen. You can keep it overnight, you can do what ever you like, working overtime, working on your life, you work in a Body Shop. Hmm? Vielleicht ist es metaphorisch gemeint, aber die indischen Anklänge lassen eher an eine Meditationsübung denken. Ich tauche ein in das sphärische yeahyeah und erfreue mich am Glasperlenspiel.

Sie will doch nur provozieren

Mit ihrer speziellen Sichtweise von Holy Water bedient sie sich wieder ihrer schmutzigen Fantasien. Blasphemische Anspielungen auf Weihwasser, gewürzt mit Zitaten aus Strike a Pose, erinnern die Welt an gestrige und heutige Skandale.

Eine aus tausendundeiner Nacht greift sie heraus, um sie zur besten aller Nächte zu versprechen. Im Hintergrund zu Best Night nörgelt eine Schlangenbeschwörerflöte, während Madonnas klare Stimme mit Anleihen aus Justify my Love verzaubert. Ein weiterer verboten erotischer Knüller gelingt ihr auch mit dem klassischen Madonna-Titel: S.E.X. Heimliche Kniffe, verspieltes Downtempo, freche Samples, verführerisch neckend zählt uns M auf, was ihr alles Spaß bereitet, huch, rotwerd. Die Frau meint es ernst.

Erwartungen nicht erfüllt, trotzdem triumphiert

Dramatisch wird es in Messiah. Definitiv ein echter Madonna-Knaller. Sie schafft es einfach, mit ihrer eindrücklichen Stimme, theatralischem Text und sehnsüchtig gebrochenem Herzen zu fesseln. Sie macht weiter, kündigt sie an: „Till you wake up and you’ll find that you love me too!“. Word. Ein herzzerreißendes Orchester wie in Frozen rechtfertigt ihren Stammplatz im Pop-Olymp.

Mit Wash all over me versöhnt sich die Königin mit ihren darbenden Jüngern, die seit den neunziger Jahren ihre alte Madonna wieder haben wollten. Sie reicht ihnen eine wegweisende Ballade, wie sie nur die Göttin herself darbieten kann. Ähnlich eingängig auch „Let me love you from the inside out“.

Insgesamt wechselt sich dark and dirty ab mit poppigen Schmachtfetzen, knatterndes Wummern mündet in poetischen Streichern. Was zuweilen als wildes Wirrwar beginnt, verbindet Madonnas überraschend pure Stimme mit elegischen Geigen, orchestrale Dramatik wird getoppt durch hymnischen Dreivierteltakt und spitzt sich zu in elektronischer Endlosschleife und rotzigem yeah. Yeah! Wieder ein Statement.

Mit ihrem dreizehnten Studioalbum hat Madonna ihren Titel als Queen of Pop würdig verteidigt. Indes kein leichter Sieg, wie sie sich selbst gewiss ist. Veni Vidi Vici, sie sagt es. Neue Hörer wird sie damit vermutlich nicht begeistern. Aber ein paar heimliche Fans berauschen sich bestimmt daran, bitch.

 

Update: Zufällig fand ich dieses unveröffentlichte Werk, welches ein paar richtig gute Stücke enthält. Schade eigentlich, dass die Queen das nicht veröffentlich hat: