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Wer wie ich viel mit dem Fahrrad unterwegs ist, weiß wie nervig es ist, während der Fahrt ständig alle möglichen Gefahrenherde im Blick zu haben: Autofahrer, die beim rechts abbiegen den Schulterblick vergessen und Dich dabei fast mitschleifen, Lieferwagen, die abrupt auf der Fahrradspur stehen bleiben oder Busfahrer, die so nah an Dir vorbei ziehen, dass Du fast vom Rad geweht wirst.

Jeder Radfahrer gerät immer wieder in diese stressigen Situationen. Mir passiert das fast täglich. Als Radfahrer ist es ratsam, dabei brav in die Defensive zu gehen, es bringt nichts, sich bei jeder Situation aufzuregen oder gar sein Recht einfordern zu wollen.

Als Radfahrer ist man einfach schwächer und muss sich mit seiner Unterlegenheit abfinden. Moment. Ist das wirklich so? Am Freitagabend habe ich im wörtlichen Sinn erfahren, daß es auch anders geht. Ich war bei meiner ersten Critical Mass Fahrraddemo dabei. Critical Mass ist ein Begriff aus der Physik und meint verkürzt gesagt, dass ein Teilchen allein noch keine große Wirkung erzielt, ab einer bestimmten Größe jedoch können sie eine Kettenreaktion auslösen.

Man muss kein Physiker sein, um dieses Phänomen leicht zu verstehen: Fährt ein Fahrradfahrer über eine rote Ampel, erlebt er vermutlich ein Hupkonzert oder wird vielleicht sogar angefahren. Fahren aber zwanzig, hundert oder tausend Radfahrer über die selbe rote Ampel, bilden sie eine kritische Masse und die Autofahrer müssen anhalten um alle durchzulassen. Und genau darum geht es bei der Critical Mass Fahrraddemo: Aufmerksamkeit schaffen für Radfahrer, welche im Straßenverkehr häufig diskriminiert werden. Sie ist eine Demonstration für die Rechte der Radfahrer, für mehr Radwege, mehr Rücksicht auf den Straßen, weniger Lärm und Abgase, autofreie Städte. Gleichzeitig wirft die Demo die Frage auf, wem der öffentliche Raum gehört und wie er von wem genutzt werden darf. Die ersten Fahrraddemos wurden bereits 1992 in San Francisco abgehalten, mittlerweile demonstrieren immer mehr Radler in aller Welt.

Aber dies ist keine Demonstration mit Bannern, Plakaten und Rädelsführern. Ja, sie ist noch nicht mal eine ordentlich angemeldete Demonstration mit festem Routenverlauf. Die Radfahrer demonstrieren nicht für oder gegen den Verkehr, sie zeigen damit: wir sind der Verkehr. Mit der monatlichen Fahrt wollen die Radler darauf aufmerksam machen, dass sie ebenso wie motorisierte Fahrzeuge Teil des Straßenverkehrs sind. Die riesen Radtour ist nach §27 der Straßenverkehrsordnung übrigens ganz legal: Eine Gruppe ab 15 Radfahrern bildet demnach einen Verband, die Radler dürfen zu zweit nebeneinander auf der Fahrbahn fahren.

Interessant wird dies, wenn mehrere hundert oder tausend Räder eine Kolonne formieren. Das kann beispielsweise an umspringenden Ampeln bei Autofahrern zu Irritationen führen, da die Gruppe auch bei Rot noch geschlossen weiter fahren darf, wenn die ersten Teilnehmer bei Grün gestartet sind. Eine wichtige Info, die Magda & ich bei unseren Fahrrad-Touren berücksichtigen werden.

Bei der Fahrraddemo geht es aber nicht darum, Autofahrer zu ärgern oder zu behindern. Im Vordergrund steht die Intention, Autofahrer für die Rechte der Radfahrer zu sensibilisieren, verbunden mit der Hoffnung, einen Sinneswandel einzuleiten. Nebenbei macht es natürlich riesig Spaß, die Straßen für wenige Stunden mit dem Fahrrad zu erobern.

Wir trafen uns am Freitag um 20:00 Uhr am Heinrichplatz in Kreuzberg. Die Route schlängelte sich die Oranienstraße entlang Richtung Alexanderplatz, durch das Stadtzentrum in Mitte nach Friedrichshain und Neukölln, über den Mehringdamm und Ku’damm zum westlichen Zentrum.

Streckenverlauf

Es war ein grossartiges Gefühl, die dreispurige Grunerstrasse auf der linken Spur wie auf einer Autobahn entlang zu sausen. Jubelnd und begeistert klingelnd nahmen wir mit dem Fahrrad die Unterführung durch den Tunnel am Alex, die sonst nur für Autofahrer zugelassen ist. Euphorie machte sich breit. Es war eine riesige Fahrradparty mit tausend Gleichgesinnten. Einige Mitfahrer hatten Musik mitgebracht, so dass wir freihändig fahrend über manche eigentlich gefährliche Kreuzung „tanzten“.

Hier die Jubelschreie in der Unterführung verfolgen 🙂

Als wir den Ku’damm dahin radelten, verloren wir für einen kurzen Moment die Vorausfahrenden und die Fahrradkette wurde unterbrochen. Damit die wartenden Autofahrer nicht auf die Idee kamen, durchzuflitzen hielt ich mit ausgestreckten Händen vor den Autos auf der Kreuzung. „Korken“ nennt man das. Eine solche Aktion würde ich mir im regulären Straßenverkehr niemals erlauben, doch mit der Critical Mass im Rücken ging das. Ein berauschendes Gefühl.

Insgesamt fuhren wir gut 50 Kilometer in etwa vier Stunden. Da wir am Ende des Ku’damms in Halensee eine kleine Pause einlegten, verloren wir leider den Anschluss und verpassten so den Siegeszug um die Siegessäule und zum Brandenburger Tor.

Ein Grund mehr für mich, beim nächsten Mal wieder dabei zu sein. Laut Medienberichten gab es diesmal mit 3.500 Teilnehmern einen Rekord. Wie viele werden es wohl nächsten Monat sein?

Bei Minute 4:50 rauschen Magda, Max, Sascha, Turtle und ich durch’s Bild. Ganz schön viele Radler, was? 🙂