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Darf man sich für seine Heldin schämen? Wenn sie immer so peinliche Sachen macht wie Madonna, schon. Dabei hat Madonna erst spät angefangen, für mich peinlich zu werden. Was sie davor gemacht hat, fand ich immer ziemlich cool. Noch bevor ich wusste, was überhaupt MTV ist, hatte sie sich im Brautkleid auf deren Bühne gerekelt. Cool. Noch bevor ich mich traute, überhaupt Lippenstift aufzutragen, lief sie platinblond mit knallrotem Schmollmund durch die Gegend. Cool. Und wo ich ungelenke Versuche als Sängerin meiner eigenen Stücke machte, haute sie Millionenhits vom Stapel. Auch ziemlich cool.

Aber irgendwie musste ich Madonna immer rechtfertigen. Schon als Kind wurde ich von den Freunden meiner Geschwister damit gehänselt, dass ich in meinem Zimmer Madonna-Poster hängen hatte. „Uh, Madonna“, rief mir der blöde Freund meines großen Bruders immer nach. Dabei war ich weit entfernt, mich so aufreizend anzuziehen, wenn man das überhaupt Anziehen nennen konnte, was sie da an Kruzifixen und Spitzentüll auf dem Leib hatte. Ich war erst dreizehn, als ich Madonna entdeckte. Kurz davor hatte ich noch mit Barbie-Puppen gespielt; Madonna schon mit den großen Jungs.

Bald darauf begann ich, meinen eigenen Stil zu entwickeln. Als Madonna gerade ihre Sado-Maso-Phase hatte, lief ich zufällig auch gern in Lack-und-Leder herum. Auch ich wollte damit meine Grenzen und die anderer ausloten. Das war ein Austesten meiner Weiblichkeit. Obwohl ich mich damals gern hart gab, wollte ich doch eine richtige Frau sein. Während sie sich öffentlich immer wieder „selbst erfand“ konnte ich in Ruhe neue Farben ausprobieren. Sie wurde dafür öffentlich gegrillt, während ich ganz nebenbei mich selbst finden konnte. Erst verschiedene Haarfarben und Stilwandlungen später entwickelte ich meine jetzige Ausdrucksform. Ohne Madonna wären diese Wandlungen von meiner Umwelt vielleicht nie so akzeptiert worden.

Madonna-Fans akzeptieren einander und bilden eine starke Gemeinschaft. Als ich vor ein paar Jahren auf meinem ersten und einzigen Madonna-Konzert war, teilten alle Anwesenden ihre unbeschreibliche Energie. Neben mir stand eine reife Frau und reichte mir ungefragt ihr Opernglas, damit ich Madonna noch näher betrachten konnte. Als ich nach dem Konzert mit meinen goldenen Stiefeln aus dem Saal lief, winkten mir die anderen Fans fröhlich zu und riefen „Good-bye, Madonna“. Ein bisschen Madonna steckt in uns allen.

Provokation als Selbstzweck

Ich wollte nie so sein wie andere, deshalb fand ich Madonna so interessant. Sie machte immer das Gegenteil dessen, was von ihr erwartet wurde. Sie war immer extrem. Ohne mich explizit an Madonna zu orientieren bemerkte ich irgendwann, dass ich auch oft extreme Dinge tat. Das fing mit kleinen Verweigerungen an – ich wollte nie meine Achselhaare rasieren, weil ich es ungerecht fand, mich dort rasieren zu müssen, nur weil ich kein Mann war. Eine kleine Provokation gegen ein vorherrschendes Dogma. Das fanden manche schon extrem. Meine extremen Auswüchse kamen nicht immer überall gut an. Einige taten auch mir nicht gut und ich machte es trotzdem. Lust auf Provokation zu haben ist etwas, womit manche nicht klar kommen. Das hat mich auch manche Freundschaft gekostet.

Als sie anfing, afrikanische Kinder zu adoptieren, schien sie völlig abgehoben. Doch als ich später in Kenia ein Waisenhaus besuchte und sich ein kleines Mädchen in meine Arme warf und gar nicht mehr runter wollte, habe ich es verstanden. Immerhin hat sie zweien dieser Kinder ein gutes Leben ermöglicht. Was soll falsch daran sein?

Mutig voranschreiten, auch wenn’s weh tut

Was ich an Madonna immer gerne mochte, war ihr Mut, alles zu machen, worauf sie Lust hatte. Madonna hat ´ne Mickey-Mouse-Stimme? Egal, Madonna singt. Madonna kann nicht schauspielern? Egal, Madonna spielt sich selbst. Die üblen Verrisse ihrer Platten und Filme hielten sie in fast dreißig Jahren nicht davon ab, ein Werk nach dem anderen zu veröffentlichen. Ich fand sie alle gut. Naja, nicht alle. Seit den letzten beiden Platten schäme ich mich ein bisschen, Madonna-Fan zu sein. Die aktuelle Platte kaufte ich mir heimlich in der Mittagspause. Ein junger Mann stand an der Kasse und lächelte mich offen an. Ich legte die Platte vor, er warf einen Blick darauf und sein Lächeln gefror. Es ist nicht einfach, Madonna-Fan zu sein.

Seitdem sie sich politisch gibt, habe ich wieder Hoffnung. Ich hoffe, sie veröffentlicht noch eine gute Scheibe, dann kann ich wieder offen Madonna hören. Ansonsten heimlich in meinem Zimmer, wenn niemand da ist. Man muss schon stark sein als Madonna-Fan, sie verlangt viel von ihren Fans ab. Aber auch sie gibt alles: niemand ist so stark wie Madonna. Oder sieht zumindest so aus.

„One of the many things I learned from all of this: If you aren’t willing to fight for what you believe in, then don’t even enter the ring.“ Madonna