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Nachdem ich mich nun aufgrund längerer Internetkrise endlich mal wieder melden kann, möchte ich euch mal die andere Seite von Nias vorstellen.

Wir arbeiten ja in einer sehr abgelegenen Gegend und dort herrschen extrem andere Bedingungen. Die Einwohner können sich kaum daran gewöhnen, dass wir „Bulehs“ mit ihnen im Dorf leben und arbeiten. „Buleh“ heisst übrigens Albino und die stehen in der Rangordnung recht weit unten. Kein Wunder, dass sie uns hier meist für blöd halten, was ganz und gar nicht pc ist und worüber ich mich schon einige Male aufgeregt habe – wenn ich auf dem Markt z.B den doppelten oder dreifachen Preis bezahlen soll, nur weil ich weiss bin. Nagut, ich schweife ab…..
Wir hatten letzte Woche Besuch aus Berlin, Nils war da, juhu. Endlich mal ein „Zeuge“. Er wird hoffentlich noch einen Gastkommentar schreiben und die Geschichte bestätigen 😉
Also, zurück zu unserem Dorfleben. Dass wir immer noch mit „Hallo Mister“ begrüßt werden, ist eigentlich ganz süß, kann auf Dauer aber auch nerven. Ein paar Mal habe ich versucht, ihnen klar zu machen, dass ich eine „Miss“ bin, aber das hat nix gebracht. Wenn wir morgens durch das Dorf laufen, um von unserem Häuschen im Feld ins dortige Büro zu laufen (ca. 10 min zu Fuß) rufen und winken uns alle Kinder zu. Jeden Tag, auch auf dem Nachhauseweg grüßen wir brav zurück, auch den einzelnen Personen, die uns über den Weg laufen & Ya’ahowoo („Grüss Gott“) rufen….
Das Büroleben läuft eigentlich ganz normal ab, ausser, dass wir „im Feld“ weder Internet- noch Telefonverbindung haben, dafür aber immer wieder Lampomati („Tote Lampe“). Habe ich schon erzählt, wie Arndte neulich unter seinem Schreibtisch einen länger nicht mehr benutzten Ordner hervorholte und darunter eine Baby-Python auftauchte? Naja, ganz normal eben 🙂
Richtig heftig wird es aber, wenn wir einen Ausflug in eines unserer sehr weit entfernt gelegenen Dörfer im Projektgebiet unternehmen. Nils‘ Besuch habe ich zum Anlass genommen, mal ein wenig raus zu kommen und wir haben uns auf den Weg nach Hilimehaga gemacht. Es liegt im Südosten von Nias, hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen… Man muss einen zweistündigen Fussmarsch über einen kaum wahrnehmbaren „Pfad“ bewältigen, der durch dicke, fette, tiefe Schlammlöcher führt, über Flüsse, die man entweder zu Fuss durchquert oder sich an zusammen gebrochenen Brücken darüber hangelt, durch Reisfelder, knietiefe Pfützen, eher Wasserlöcher, das alles im feuchtheissen, tropischen Klima durch den Dschungel. Anfangs waren wir noch etwas vorsichtig und versuchten, unsere Schuhe rein zu halten und die Füße nicht in den Schlamm rutschen zu lassen. Allerdings mussten wir schon bald fest stellen, dass das vergebens ist, denn um durch diese Schlammlöcher zu waten bedarf es feinmotorischer Übung, die wir leider nicht hatten. Deshalb, Augen zu und durch den Schlamm. Da es für uns das erste Mal war, war es zwar besonders anstrengend, aber auch lustig. Wir waren ja nicht ganz allein, sondern in der Gruppe mit unserem Projektkoordinator Arndte, unseren Architekten Rico und Nicole und drei lokalen Mitarbeitern, wovon einer die Führung übernahm um uns durch den Schlamm zu lotsen. Besonders schwierig wurde die Tour durch unser Proviant von Wasser und „Bungus“, so nennt man „Reis-Fast Food“, das man in einem kleinen Plastikbeutel bekommt, und das beides mein Gleichgewicht beim Versuch, möglichst leicht und elegant die Schlammgrube zu überqueren, empfindlich störte. Wir schwankten und hangelten uns also über die riesigen Matschfelder und das hatte definitiv etwas slapstick-artiges 🙂
Nach dem zweistündigen Marsch durch den Schlamm machten wir Halt in einem der für die Reparatur vorgesehenen Häuser und kauten erstmal schön Bethelnuss. Nils und ich sind schon bei der Verlobungsparty von Robert & Ery auf den Geschmack gekommen und ich habe mir zeigen lassen, wie man das traditionell herstellt: Du nimmst die frische Bethelnuss, schälst sie, und wickelst sie in ein mit Kalk bestrichenes Blatt. Das ganze wird dann gekaut und hat eine erfrischende und anregende Wirkung, die den Speichelfluss anregt und dein Zahnfleisch rot färbt. Man sieht ein bisschen aus wie ein Vampir, der eben einen frischen Jungfrauenhals ausgetrunken hat, man hat auch einen leicht irren Blick, aber immerhin gelingt dann der weitere Marsch zum nächsten Dorf wie im Fluge. Das allerletzte Dorf liegt an einem Flussbett, es sieht ein wenig aus wie an der Isar in Bayern, nur leider ist das Wasser nicht ganz so kühl. Wir haben uns trotzdem mit Klamotten in die Fluten gestürzt, sehr zur Belustigung der Kinderschar aus dem Dorf, die uns belustigt, gar kreischend, zugesehen haben. Wir schwammen also in dem herrlichen Fluss, und kaum waren wir wieder draussen – schwamm eine giftgrüne Schlange an uns vorbei. Gruslig! Wir wissen nicht genau, ob sie wirklich giftig war, angeblich ja, aber allein der Gedanke, dass wir da eben noch im Wasser waren und sie nur gewartet hat, dass wir endlich abhauen war mir schon unheimlich.
Naja, wir haben das ganze ja überstanden und auch den Weg zurück überlebt, aber waren schon erleichtert, als wir auf dem Rückweg gesund und munter unser warmes Bier geniessen konnten 😉

Habe ja eben schon die Verlobung von Robert & Ery erwähnt. Die beiden sind eines der vielen indonesisch-deutschen Paare, die sich vor den Traualtar wagen (müssen). Die hiesigen Heiratsbräuche sind recht verschieden von den unsrigen. Es gilt bis zur Hochzeit jede Menge Zeremonien zu bestreiten. Ich glaube, ich war jetzt schon auf drei verschiedenen Verlobungsparties von den beiden. Die letzte, offizielle, Zeremonie, war in Lahewa, im Nordwesten von Nias. Dort leben die Eltern und Verwandten von Ery. Um überhaupt heiraten zu dürfen, musste Robert stolze 11.000.000 (elf Millionen!) Rupiah Brautpreis auf den Tisch legen. Das sind ca. 1.100 US$. Das durfte er aber nicht direkt an die Eltern übergeben, sondern an einen Unterhändler. Bei der letzten Veranstaltung handelte sich um die Ringtauschzeremonie. Dafür werden die Ringe in Wasser gelegt (damit man schon mal „mit allen Wassern gewaschen“ ist) und mit Mhyrre dem Heiligen Geist näher gebracht. Die Braut darf während der ganzen Veranstaltung nicht lachen, sondern muss vorgeben, todunglücklich darüber zu sein, das Elternhaus zu verlassen. Es fliessen also jede Menge falscher Tränen und ne Menge Kohle. So wird sich auch die Mutter die letzte Umarmung und den letzten Kuss ihrer Tochter nach der Hochzeit teuer erkaufen: happige 1,5 Mio. kostet der Spass. Und dann kommt natürlich noch die Hochzeitsfeier hinzu, bei der bevorzugt gekochter Schweinekopf und Schweinehirn gereicht wird. Hmm…..lecker. Bis auf uns dumme Bulehs haben auch alle schon bei der Verlobung kräftig zugelangt… Bei der Hochzeitsfeier wird das Brautpaar auch nicht, wie bei uns, reichlich beschenkt, sondern muss den Gästen sogar noch Souvenirs mitgeben. Strange, but true. Nix gegen andere Sitten, aber für uns erscheint das alles recht unecht und unfair.

Naja, andere Länder, andere Sitten… Eine weit verbreitete Freizeitbeschäftigung stellt das Abschiessen von Singvögeln dar. Habe heute in dem Grundstück neben uns ein paar komische Typen rumschleichen sehen – mit ner Knarre in der Hand. Kam mir ein bisschen unheimlich vor, wie sie da mit ihrer Waffe vor unserem Haus rumhantiert haben. Allerdings haben sie „nur“ ein paar Vögel versucht abzuschiessen. Eine Delikatesse für Indonesier: Vogel am Spiess. Die erlegten Tiere werden frittiert und auf Satéspiesse aufgepickt.
Dafür habe ich mir dann am heiligen Sonntag schon um 11h ein Bier aufgemacht. Ist wahrscheinlich für die Eingeborenen ebenso unverständlich und mir hilft es, das alles mit einem müden Lächeln zu kommentieren.

Wie einladend ein echter Niasse mit Knarre aussehen kann, seht ihr auf dem beigefügten Foto. Das hat Arndte letzten Freitag bei einer Baustelleninspektion gemacht.

So sieht wahrscheinlich auch der Kerl aus, der bereits zum zweiten Mal in unserem Haus eingebrochen ist. Beim ersten Mal kam er gegen 4h nachts und hat sich in das Zimmer der darin schlafenden Ilda geschlichen. Hat ihr ganzes Geld geklaut und danach noch die Chuzpe besessen, bei uns (mir und Arndte) einlaufen zu wollen. Allerdings habe ich ja einen extrem leichten Schlaf und bemerkt, dass da jemand die Tür zu unserem Zimmer aufmacht. Habe versucht, Arndte zu wecken, der erstmal „Erdbeben“ rief. Nee, kein Erdbeben – Einbrecher. Natürlich ist der Kerl unerkannt verschwunden, hat es dann aber einen Monat später wieder erfolgreich geschafft, uns auszurauben. Unser Kollege Daniel hat ihn sogar noch gestellt, dennoch konnte er entkommen – mit Ildas Computer, Blueberry, Schmuck und Tasche. Verdammt!

Seitdem haben wir vierfachen Stacheldrahtzaun um unser Grundstück, riesige Scheinwerfer beleuchten uns des nachts und die Security wurde verstärkt. Mutet ein bisschen KZmäßig an, aber wir nehmen es mit Humor.

Nur mit Humor kann man auch die seltsame Vorliebe der Einheimischen und mancher angeheirateter Indonesier verstehen, die für die furchtbar stinkende Frucht Durian schwärmen. Im Moment haben wir Hauptsaison und das Zeug wächst und stinkt überall. Es stinkt wie vergammelte Melonen, vermischt mit einem leichten Zwiebelaroma. Man sagt, es stinkt wie die Hölle, aber schmeckt wie der Himmel, aber ich war bisher noch nicht fähig, es über mich zu bringen und das Zeug zu versuchen. Es stinkt jedenfalls zum Kotzen und ich werde diesen zweifelhaften Genuss wohl auslassen. Ich bin ja wahrscheinlich nicht besonders ignorant und versuche fast alles, aber Durian – nee, danke. Gestern Abend hatten wir wieder eine der vielen Feten hier und als die Leute dann ihren Durian anschnitten, habe ich mich verzogen. Vielleicht im nächsten Leben. Dann halte ich mich lieber an die Bethelnuss.

So viel also für heute von meinen interkulturellen Erfahrungen.
Erdbeben gab es übrigens keine nennenswerten. Nach dem Ausflug zur Ringtauschzeremonie in Lahewa haben wir eines knapp verpasst (wir waren schon weg, als es schwankte) und heute morgen gab es auch eins, aber nur ganz leicht.

Wir haben jetzt nur noch drei Wochen hier, dann haben wir es geschafft. Wir haben unsere Verträge nicht verlängert und werden im August wieder Berlin heimsuchen 🙂

Über Ostern waren wir ja in Melbourne, wo es phantastisch war und ich am liebsten gleich geblieben wäre. Leider ging das nicht gleich, aber die Chancen stehen gut, dass wir dort noch mal vorbeischauen und uns evtl. auch anpflanzen.

Als nächstes Ziel steht erst mal Teheran an. Wir wollen dort Arndtes Schwester besuchen, die dort für die deutsche Botschaft arbeitet. Wird bestimmt auch noch mal ein schöner Kulturschock 🙂 Wir hatten geplant, eine Fahrradtour durch den Iran zu unternehmen. Dann haben wir erfahren, dass Radfahren für Frauen verboten ist – achso… Naja, wird bestimmt trotzdem aufregend 🙂

Ich freue mich jedenfalls schon darauf, euch allen alle Einzelheiten zu erzählen! Bis bald! 🙂