Auf den Spuren des Yeti

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Auf der alten Handelsstrasse zwischen Tibet und Indien durchqueren wir das tiefste Tal der Welt und wandeln auf den Spuren des Yeti. 

Kali Gandaki, ein Fluss durchtrennt den Himalaya

Ein Jeep mit Allradantrieb ist das passende Gefährt für die abenteuerlichen Buckelpisten. Man schaukelt voran auf unbefestigten Strassen, die jeder Beschreibung spotten, und die Insassen wünschen lassen, sie trügen Helme – im Auto. Wie ein ausgefranster Saum zieht sich der Geröllweg eine steile Felswand entlang. Beim Blick hinunter könnte einem angst und bange werden. Unter uns verengte sich der Abgrund zu einer tiefen Schlucht: das Flussbett des Kali Gandaki bildet das tiefste Tal der Welt. Hier verlief die alte Handelsroute zwischen Tibet und Indien.   

Kali Gandaki

Zwischen Kalopani und Larjung, dort wo das Tal den Hauptkamm des Himalaya durchschneidet, liegt auf ca. 2.540 m die Sohle des tiefsten Tales der Welt. Der Höhenunterschied zwischen der Talsohle und dem westlich liegenden Gipfel des Dhaulagiri (8.167 m) beträgt dort mehr als 5.600 Meter. 

Das schier Unvorstellbare daran: der Fluss war schon da, bevor die Natur beschloss, das höchste Gebirge der Welt zu schaffen und die Berge nach oben schob.

Die Dörfer im Mustang wirken wie aus der Zeit gefallen. An der Grenze zu Tibet gelegen und eng damit verwoben, hat sich „little Tibet“ seine Ursprünglichkeit bewahrt.
Die mittelalterlich anmutenden Häuser aus weiss getünchtem Mauerwerk und behauenem Stein vom nahe gelegenen Flussbett schmiegen sich an den Bergrücken wie eine Horde Ziegen, die Schutz sucht. Aufgetürmte Holzbalken auf den Dächern künden von eisigen Wintern.
Überall flattern bunte Gebetsfahnen und tragen Wünsche und Sehnsüchte in den Wind. Am Ende der engen Gassen winken die hohen Berge, wie ein Onkel, der sich immer ins Bild mogelt. 

Hinter Jomsom, wo sich der Flughafen nach Mustang befindet, der die Flieger empfängt, die mitten durch den Himalaya brausen, liegt ein spektakulärer Bergsee, der Dhumba See. Der Sage nach ist der See heilig und wird vom König der Kobras bewohnt, dem Seelenverwandten von Lord Shiva. Die schneebedeckten Gipfel der siebentausender Nilgiri Berge spiegeln sich im klaren Wasser. Es ist unwirklich schön. 

Dhumba

Nachdem man das Flussbett des Kali Gandaki hinter sich gelassen hat, erreicht man Kagbeni, das Tor zu Mustang auf 2.800 Metern Höhe. 

In diesem Winter lag dort so viel Schnee wie seit Jahren nicht mehr. Noch immer türmten sich meterhohe Schneemassen auf den schmalen Wegen. Die hartgesottenen Einheimischen sammelten den Schnee auf Handkarren und zogen diese ans Ende des Dorfes, um ihn dort die Schlucht hinunter zu stürzen. Wochenlang war kein Durchkommen, die ohnehin schwierigen Strassen unpassierbar.
Wir waren eine der ersten, die auf der gerade wieder frei geschmolzenen Strasse zum heiligen Tempel hinauf fahren konnten.
Die an sich schon sagenhafte Gegend wirkt mit Schnee verziert wie ein leckeres Eis mit Sahne. Die Eiskristalle funkeln in der Sonne und lassen den blauen Himmel, die schneebedeckten Berge und Täler mit den winzigen Dörfern aussehen wie eine Fototapete.

Man kann sich gut vorstellen, wie der sagenumwobene Yeti in sein wärmendes Fell gehüllt über die Gipfel steigt. Ich hätte mir auch ein Yetifell gewünscht, denn in den Nächten war es dort oben im Mustang bitterkalt. Zum Glück hatten wir unsere Wärmflasche dabei. 

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Zur Pilgerfahrt nach Muktinath

Muktinath (3.760 Meter) ist mit seinen groben Betonklotzbauten ziemlich häßlich. Doch die verschneite Traumlandschaft verlieh auch diesem Ort etwas Zauberhaftes. Im Tempel, einem der wichtigsten Pilgerorte im Himalaya, strömt Erdgas in Form einer blauen Flamme aus, was dem Ort eine mystische Bedeutung verleiht. Jährlich strömen tausende hinduistische Pilger hierher, um sich unter den 108 Wasserspeiern des heiligen Tempels von ihren Sünden freizuwaschen. Vorsichtshalber habe auch ich den Bußgang unter das eiskalte Gletscherwasser gewagt. Im strahlenden Sonnenschein waren die Minusgrade gar kein Problem. 

Hinterher wanderten wir den Berg noch etwas weiter hinauf zum buddhistischen Kloster (Gompa). Die Religionen leben hier in friedlicher Koexistenz nebeneinander. 

Im Kloster setzten wir uns für einen Moment in den Lotussitz, um zu meditieren. Ich schwöre, als ich die Augen schloß, spürte ich eine besondere Energie durch mich hindurchfliessen.
Dann wurde ich abgelenkt durch das eigentümliche Brummeln eines buddhistischen Mönchs, der um uns herum schwirrte und, fröhlich Gebete murmelnd, den heiligen Schrein abstaubte. 

Mit göttlicher Energie gestärkt machten wir uns dann durch Schnee und Eis auf den Weg zur Unterkunft in Chongur, 45 Minuten Fussmarsch. Hier war es unmöglich, mit dem Fahrzeug voranzukommen. 

Am Abend erfüllten die Glöckchen der Ziegen die Dörfer. Sie weiden tagsüber auf den Grasflächen im Hochgebirge, nachts schlafen sie in den Ställen. Jedes Tier weiß ganz genau, wo es hingehört. Sie meckern vor der Tür ihrer Besitzer, bis sie eingelassen werden. 

Gebirgslandschaft wie auf dem Mond

Mit Hängebrücken über schwindelerregend tiefe Felsspalten, die verschneite Landschaft entlang, als Kulisse die Annapurnas und davor das karge Hochgebirge wie auf dem Mond, so präsentierte sich die Landschaft auf der Wanderung von Chongur nach Kagbeni. Fast fünf Stunden brauchten wir dafür — länger, als gedacht, weil wir vor lauter Staunen und Fotografieren kaum vorankamen. 

Die Aussicht auf die Annapurna Reihe aus Sieben- und Achttausendern ist so unfassbar schön, es ist kaum auszuhalten. Das muss man sich mal vorstellen: man ist schon auf fast Viertausend Metern Höhe und die Berge sind noch einmal so hoch! Wie Staubkörner wirken wir kleine Menschlein im Angesicht dieser Giganten. 

Göttliches Zeichen: Shaligram

Umso erstaunlicher ist es, dass ich in der Steinwüste ein Shaligram fand: ein schwarzer Stein mit der Versteinerung eines Fossils darin, wartete seit Jahrmillionen darauf, von mir gefunden zu werden.
Ja, da war doch was: diese gigantische Landschaft lag einst unter Wasser. Das Shaligram hat noch eine weitere Bedeutung: es gilt als Reinkarnation von Vishnu, die Manifestation des Höchsten.

Auf den Hund gekommen 

Die drolligen Hunde aus unserer Unterkunft begleiteten uns begeistert schnüffelnd und übermütig umherspringend auf unserer Wanderung. Doch als wir in Kagbeni in den Jeep stiegen, und nach Jomsom brausten, blieben sie keineswegs brav zurück. Oh nein, sie rannten uns hinter, hielten in der aufwirbelnden Staubwolke das Tempo! Schliesslich stieg einer unserer Kollegen aus und scheuchte sie davon, damit sie wieder nach Hause fänden. Widerwillig trotteten sie davon. Schnell fuhren wir weiter, ohne uns noch einmal umzusehen. Wie eine Staubwolke legte sich Traurigkeit auf unsere eben noch so heiteren Gemüter. Der Staub brannte in den Augen. Habe ich schon gesagt, dass die Strassen in Nepal zum Heulen sind? 

Auf einen Sprung zum Mount Everest

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Wenn es geregnet hat, dann weiss der Kathmandurianer: am nächsten Tag ist freie Sicht auf den Himalaja geboten. Also nichts wie rauf auf’s Motorrad und raus aus der Stadt.

Wie jede Jahreszeit hat auch der Winter seine Vorteile. Die kalte Luft ist nicht so dunstgeschwängert wie während des Monsuns. Auch wenn es auf Dauer anstrengend ist, abends ohne Heizung zu frösteln, und nachts unter kiloschweren Decken zu schlafen, versöhnt uns die Aussicht auf einen Ausflug mit Bergsicht. 

Treffpunkt ist eine der wichtigsten buddhistischen Pilgerstätten: Boudhanath. Schnell noch im Uhrzeigersinn mit den Gläubigen eine Runde um die Stupa gedreht, dann sind die guten Geister eingestimmt auf die abenteuerliche Fahrt durch die schmuddeligen Strassen Kathmandus. Wir wollen hinaus in die Natur, freuen uns auf staub-und smogfreie Sicht.

Nach dem bekannten Motto „Von Staub zu Spritz“, mit Staubmasken vor dem Mund und dick eingepackt in warme, strapazierfähige Klamotten, arbeiten wir uns durch den chaotischen Verkehr der Hauptstadt. Mit dem Motorrad kommt man besser voran als mit dem Auto, und so erreichen wir nach gut anderthalb Stunden unser Ziel: Nagarkot, ca. 30 Kilometer östlich von Kathmandu. 

Vor Freude springen wir auf und ab – also ich jedenfalls 🙂 So klar und weit und in all seiner Pracht haben wir den Himalaja noch nie gesehen; zumindest aus dieser Perspektive auf 2.175 Höhenmetern. 

Bei klarer Sicht überblickt man ein breites Spektrum des östlichen bis zentralen Himalaja, vom Manaslu bis zum unvergleichlichen Mount Everest. Egal, wie oft man die Berge schon gesehen hat, sie verzaubern in ihrer erhabenen Anmut jedes Mal aufs Neue. Hier versteht man wieder, warum man es das Dach der Welt nennt. 

Wenn man nicht mehr genau weiß, wie der größte Berg der Welt gleich noch aussieht, zieht man einfach einen Geldschein aus der Tasche. Der Everest, eigentlich Sagarmatha bei den Nepalis, ist auf allen Rupien-Scheinen und auch auf jeder Münze abgebildet. 

Dann das Bergmassiv absuchen (die ungefähre östliche Richtung sollte man schon wissen) und die Form abgleichen. Durch die Entfernung und je nach Standpunkt ist er logischerweise nicht unbedingt der Höchste in der Reihe der anderen Acht- und Sieben- und Sechstausender. Aber der Buckel ist unverkennbar. 

Mount Everest für Faule

Wenn man übernachten möchte, gibt es einen Geheimtipp: das Farm House. 

Etwas abseits der Hauptstrasse – es gibt nur diese eine Strasse – liegt ein wunderschönes Resort, das seinen Namen auch verdient. Die Zimmer sind im tibetanischen Stil eingerichtet, mit dicken Teppichen und Ziegenwolldecken und einer breiten Fensterfront.

Hier kann man den höchsten Berg der Welt sogar vom Bett aus bewundern. Somit kann man sich das frühe Aufstehen und den Aufstieg zum Aussichtspunkt sparen und faul im Bett bleiben. Abends liegt man mit einer Wärmflasche im kuschligen Federbett beim knackenden Feuer aus dem Holzofen. Ich schliesse die Augen und sehe nur Berge. 

Baustelle mit Aussicht

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Nita und die Berge

Portrait: Nita, Außendienstingenieurin in Sindhupalchowk/Nepal.

Als einzige weibliche Ingenieurin bei Help in Nepal hat Nita eine besondere Stellung inne. Sie ist die unangefochtene Expertin für WASH (Water, Sanitation, and Hygiene). Die ehemalige Dozentin aus Bhaktapur hat am hiesigen College Bauingenieurswesen gelehrt, bevor sie nach dem Erdbeben 2015 begann, für internationale Nichtregierungsorganisationen zu arbeiten. Inzwischen lebt sie in Chautara, der Bezirkshauptstadt von Sindhupalchowk, wo Help ein umfangreiches Wiederaufbauprojekt durchführt. Damit ist sie auch die einzige Mitarbeiterin, die direkt im Projektgebiet lebt.

 

Nachdem die akute Nothilfe und der Wiederaufbau von zehn zerstörten Schulen abgeschlossen ist, widmet sich Help nun dem Bau von öffentlichen Toiletten und der Versorgung der umliegenden Dörfer mit sauberem Trinkwasser. Bei dem Erdbeben wurden wichtige Wasserleitungen zerstört. Diese stellt Help wieder her, damit die Bewohner, vor allem Frauen, nicht mehr stundenlange Wege auf sich nehmen müssen, um frisches Trinkwasser zu holen. Bisher müssen sie täglich zwei, drei Mal meilenweit laufen, um leere Plastikflaschen mit Wasser zu füllen und die schwere Fracht nach Hause zu schleppen. 
So schön die schneebedeckten Gipfel des Himalaja für Außenstehende zu betrachten sind, so anstrengend ist die hügelige Landschaft zu bewältigen mit mehreren Kilos auf dem Rücken. 

Mehr Verantwortung, mehr Pflege

Bei den öffentlichen Toiletten setzt Help auf ein „Ownership Model“. Hierfür wird in dem neuen Gebäude ein Platz für einen kleinen Laden zur Verfügung gestellt. Eine Familie aus dem Dorf darf das Geschäft betreiben, im Gegenzug kümmert sie sich um die Reinigung und Wartung der Anlage.

Das Gebäude selbst steht auf öffentlichem Grund. Der Ort ist gut gewählt, an einer Bushaltestelle, daneben der Sportplatz einer (von Help wiederaufgebauten) Schule und in der Nähe eines kleines Marktplatzes. Hier wurde dringend eine öffentliche Toilette benötigt. 

Moderne Hygiene

Die öffentliche Toilette beinhaltet ein Urinal und Sitztoilette für Männer, eine behindertengerechte Toilette, sowie zwei Toiletten für Frauen. Hier kommt eine brandneue Funktion zum Einsatz. In den Wänden der Frauentoiletten gibt es einen Einwurf für Hygieneartikel. Diese landen durch einen Schacht auf einem Gitter und können von Außen angezündet werden. Somit werden die benutzten Hygieneartikel verbrannt. Bis dato wurden diese einfach zum Trocknen ins Fenster gelegt, wo sie dann häufig vom Wind in die Landschaft geweht wurden, oder auf dem Boden landeten und von Ratten angenagt wurden. Mit dieser einfachen Maßnahme werden die Artikel nun hygienisch entsorgt

„Was ich an meiner Arbeit bei Help besonders schätze ist, dass ich von meinen Kollegen als Expertin wahrgenommen werde. Sie bitten mich immer wieder um meine Einschätzung, und auch ich kann mit Fragen zu ihnen kommen. Es ist ein fachlicher Austausch auf Augenhöhe“, sagt Nita über ihre Arbeit bei Help. 

Spenden machen satt

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Die letzte von 10 Schulen des Wiederaufbauprojekts in Nepal ist fertig. Dank einer großzügigen Spende bekommen 64 Kinder eine warme Mahlzeit täglich. Kann man also Geld doch essen?

Mit der Einweihung der Shree Kali Devi Basic School in Thulo Sirubari fand gleichzeitig die Zwanzig-Jahr-Feier der Schule statt. Dass die Dorfbewohner dieses Jubiläum feiern konnten, gleicht in mancherlei Hinsicht einem Wunder. Die Schule wurde beim Erdbeben 2015 stark zerstört. Da sich das Beben an einem Samstag ereignete, waren die Schüler*innen nicht im Gebäude, so dass keine Menschen zu Schaden kamen.

Der Wiederaufbau gestaltete sich als äußerst schwierig. Wegen der abgelegenen Lage, der schlechten Strassenbedingungen und nicht zuletzt, weil im Dorf die unterste Kaste lebt, war es schwierig, willige Bauarbeiter zu finden.  
Während der Bauphase lief Einiges schief, was sich in erheblicher Bauverzögerung niederschlug. Beim ursprünglich zweistöckig geplanten Gebäude wurde so sehr geschlampt, dass der Boss die Statik und erst recht die Erdbebensicherheit nicht gewährleisten konnte. Nach einiger Zeit fand sich ein fähiger Bauunternehmer, der dafür sorgte, dass alle drei Schulgebäude, die Toiletten und die Küche ordentlich und rechtzeitig fertig wurden.

Kurzerhand wurde beschlossen, das Gebäude nur einstöckig zu lassen, was sich im Winter als Segen erweist. Nun werden die Kinder während der kalten Jahreszeit oben auf dem Flachdach in der Sonne unterrichtet – da hier wie überall im Lande Heizungen nicht üblich sind, wird es in den Klassenzimmern bei 15 Grad Aussentemperatur recht frisch. Die Kinder können sich nicht in warme Klamotten hüllen, denn die sind – wie so Vieles hier – Mangelware.

Einmal richtig satt essen

Der größte Trumpf aber ist die neue Schulküche. Der Bau wurde ermöglicht durch eine Spende unseres Freundes Denis, der im Frühjahr hier war und sich persönlich vor Ort umgesehen hat. 

Wo normalerweise am Boden gekocht und abgewaschen wird, steht hier eine moderne Küchenzeile, die sogar eine Wasserleitung aufweist und (demnächst) einen Gasherd. Hier wird künftig das Mittagessen für die Schulkinder zubereitet. 

Die Spende ist umso willkommener, als das Dorf besonders arm ist und die Eltern sich selbst kaum ernähren können. Ob aus Geld- oder Zeitmangel, häufig können die Eltern ihren Kindern keine ausgewogene Ernährung bieten. Die Dorfbewohner sind Bauern oder arbeitslos und nicht selten Alkoholiker; wer es geschafft hat, arbeitet auswärts und schickt Geld nach Hause. Durch das Mittagessen in der Schule bekommen die Kinder künftig wenigstens eine gute Mahlzeit am Tag. 

Weil hinter dem Hauptgebäude noch viel Platz zum Zaun hin war, wurde hier sogar ein Schulgarten angelegt, wo bereits die ersten Salatpflänzchen spriessen. 

Die Kinder sind Gewinner

Insgesamt ist die Anlage nun die Schönste und von allen, was die Kinder besonders stolz macht. So sassen dann einige Schulleiter der anderen Schulen mit verdriesslichen Mienen bei der Zeremonie. Dass ausgerechnet die unterste Kaste die schönste Schule bekommen hat, gefällt nicht allen. Aber es kann eben nicht immer nur Verlierer geben.

Dabei können sich alle zehn Schulen sehen lassen. Der Unterricht findet jetzt in erdbebensicheren Gebäuden mit hellen, kindgerechten Räumen und neuen Schulbänken statt. Sie verfügen über getrennte Toiletten für Mädchen und Jungs, mit einem barrierefreien Zugang und jeweils einer Schulküche. 

Dank an Unterstützer*innen

Nicht zu vergessen ist, dass sämtliche Schulen, das ganze Wiederaufbauprojekt, durch die Spendenbereitschaft von Privatleuten, einer Stiftung und Mittel von ADH (Aktion Deutschland hilft) finanziert wurden. Das Budget, das für die Küche geplant war, kann nun für das noch abzuschließende Projekt Wasserversorgung eingesetzt werden: für die Wasserleitungen, welche die betroffenen Dörfer mit frischem Trinkwasser versorgen werden.

Herzlichen Dank an alle Unterstützer*innen! Sie alle haben es ermöglicht, dass diese Kinder eine Chance erhalten, durch Bildung dem Teufelskreis aus Armut und Verwahrlosung zu entfliehen und ihre Zukunft selbst zu gestalten. 

Spenden wirken immer

Wer jetzt Lust auf eine nachhaltige Spende bekommen und noch etwas Weihnachtsgeld übrig hat: Help freut sich über jeden Cent – hier wird garantiert nichts verschwendet!

Vom Garn zum Pulli

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Wenn die Temperaturen sinken, steigt die Nachfrage nach Kaschmirpullis. Bei einem Besuch in der Kaschmirfabrik unseres Vertrauens fragen wir uns: Wie entsteht eigentlich ein Kaschmirpulli?

Ein wollig weiches Geschäft 

Kaschmirfabrik. Das klingt nach einer riesigen Halle voller Maschinen mit einem rauchenden Schlot irgendwo am Rande der Stadt. Stattdessen empfängt uns ein freundliches, helles Gebäude mitten in einem Wohngebiet in Kathmandu. Hier befindet sich die Produktionsstätte von S.K. Handicrafts Export, unserem Lieblingskaschmirladen in Thamel. 

Der Manager führt uns herum und zeigt den Produktionsprozess vom Garn zum Pulli. 

Bevor es losgeht, muss die Wolle aus der Mongolei eintreffen. Da es in Nepal nicht ausreichend Wolle von der Bergziege gibt, wird die Ware importiert. Keshab, der Chef des Unternehmens  S.K. Handicrafts Export, bezieht die Wolle seit fünfzehn Jahren vom selben Händler.  

Das Rohmaterial wird in der Strickabteilung vorbereitet. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an der Strickmaschine fertigen jeweils einen Bestandteil, etwa den Ärmel, Vorder- oder Rückenteil. Die Bedienung der Strickmaschine wirkt auf den ersten Blick simpel. Allerdings geht es dabei nicht nur hin und her, sondern man muss für jedes Teil einem bestimmten Plan folgen, nach welchem das Muster gestrickt wird. Daher ist die Arbeit recht anspruchsvoll und es ist gar nicht so einfach, fähige Mitarbeiter zu finden. Zum Glück für Keshab bleiben ihm die meisten Angestellten schon jahrelang treu.

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Nachdem die Ware vorbereitet ist, beginnt der Färbeprozess. Die Teile werden zunächst abgewogen, damit der entsprechende Farbanteil in das saubere Wasser gemischt werden kann.

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Wolle von der erwachsenen Ziege kann in kräftigen Farben eingefärbt werden. Die noch hochwertigere, ganz feine Wolle der jungen Ziege („Baby Goat“) verträgt nur natürliche Farben, also Grautöne, Beige und Braun. Nach dem Färben wird die Farbe im Wollwaschgang bei 40 Grad fixiert, damit die Farbe ihre Leuchtkraft behält. 

Wichtig: die Kaschmirprodukte sollten später nur mit der Hand gewaschen und im Liegen auf dem Wäscheständer getrocknet werden. So bleiben sie schön kuschlig weich und behalten ihre Form. Die Wolle ist zu kostbar, um sie in die Maschine zu stecken! Bei Kaschmirwolle entstehen nach einer Zeit kleine Knötchen, die kann man mit einem Wollkamm vorsichtig entfernen. 

Ist die Ware eingefärbt, wandert sie in die nächste Abteilung, wo sie gebügelt wird und die Maße genau kontrolliert. So wird sichergestellt, dass alle Teile exakt die gleiche Größe und Länge haben. Die Einzelteile werden in der nächsten Abteilung zusammengenäht.
Wenn das Produkt fertig ist, kontrolliert der Meister der Maße („Master of Measurement“) noch einmal ganz genau, ob die Abmessungen stimmen. Sobald der Meister fertig ist, wandert die Ware in die Qualitätskontrolle. Hier wird geprüft, ob alles in Ordnung ist, und ggf. kleine Fehler sofort repariert. Erst dann wird das Produkt zum Verkauf freigegeben und nach Thamel geliefert, oder kommt in den Versand nach Europa. 

Weben ist Kunst

Neben Pullis, Ponchos und Cardigans bietet S.K. Handicrafts Export auch Schals und Decken an. Diese werden nicht gestrickt, sondern gewebt. Auch das wollen wir uns ansehen. 

Die Arbeiter am Webstuhl kommen aus dem Terai, im Süden des Landes, etwa 150 Kilometer von Kathmandu entfernt. Die meisten arbeiten schon seit zehn, fünfzehn Jahren für Keshab. Warum kommen sie aus dem Terai? „Sie haben die besseren Einfälle“, sagt Keshab. Weben ist eben auch ein Kunsthandwerk. Der Prozess erfordert höchste Konzentration, bei dem mit den Händen das Garn bewegt und per Fusstritt das Muster bestimmt wird. 

Hochwertige Handarbeit 

Nach dem Besuch in der Kaschmirfabrik wirken die Pullis und Schals noch wertvoller, jetzt, wo wir gesehen haben, dass jedes einzelne Produkt von Hand gearbeitet ist. Überdies bietet Keshab nicht nur hochwertige Produkte, sondern den insgesamt 60 Angestellten einen sicheren, sauberen und hellen Arbeitsplatz, mit geregelten Arbeitszeiten und Pausen. In einem Restaurant um die Ecke werden die Angestellten sogar mit Mittagessen versorgt. Zurecht wird S.K. Handicrafts Export auch als Fair Trade Betrieb ausgezeichnet. 

Keshab erklärt den Unterschied von Pashmina und Kaschmir und verrät seinen Kunden auch gern einen einfachen Test, mit dem man die Qualität überprüfen kann. Damit unterscheidet sich der Laden von den vielen anderen Geschäften in Thamel, die Fake Produkte verscherbeln. 

Es ist definitiv der beste Kaschmirladen in ganz Thamel, der seit über 20 Jahren beste Qualität verkauft. Wer es nicht nach Kathmandu schafft, kann die Ware auch in Lalitpur und Bhaktapur erhalten oder online bestellen.

Mardi Himal: Der steilste Abstieg

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Wenn in Nepal das Leben still steht, weil alle nach Hause fahren, um Dashain zu feiern – das höchste Fest der Hindus, vergleichbar mit Weihnachten – nutzen wir die Zeit für eine Wandertour. Diesmal haben wir uns ein wenig bekanntes Ziel herausgesucht: der Mardi Himal Trek ist erst seit 2012 für die Öffentlichkeit freigegeben.

Wir starten mit dem Jeep in Kathmandu. Diese Strasse ist etwas besser als die anderen, die wir sonst so kennen, dennoch kommt es durch Lastwagen und Busse zu vielen Staus. Mit einer Mittagspause brauchen wir gute acht Stunden für die rund 200 Kilometer bis Pokhara. 

In Pokhara angekommen marschieren wir direkt zum Tourismusbüro, um uns die notwendige Wander-Genehmigung und den Touristenpass zu holen. Hierfür benötigt man jeweils zwei Passfotos, die man in der Regel direkt vor Ort anfertigen lassen kann, und jeweils 2.000 Rupien für die Gebühr. 

Abends gönnen wir uns ein letztes köstliches Abendessen beim Italiener Caffe Concerto, mit dem Wissen, dass wir in den nächsten Tagen wenig kulinarische Abwechslung erwarten können. Aber wir sind ja nicht zum Schlemmen hier!

Tag 1: Phedi- Dhampus – Deurali – Pothana

Wir lassen uns von Pokhara mit dem Jeep nach Phedi bringen, wo unsere Wandertour beginnt. Zum Einstieg erwarten uns steile Steinstufen inmitten eines dichten Waldes. Wundervolle Vögel zwitschern ein Lied, Affen kauern am Wegesrand, Schmetterlinge tanzen vor unserer Nase. Mittags machen wir Pause in einem kleinen Teehaus und stellen mit einem Blick ins Tal erstaunt fest, wie weit wir schon gekommen sind. 

Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir Pothana und bestellen gleich eine Thermoskanne Ingwer-Zitronen-Tee mit dem lokalen Khukri Rum zum Aufwärmen. Ein schwarzer Hund legt sich vor die Tür und hält Wache.

Unsere nepalesischen Freunde Rajina und Rashil zeigen uns ein witziges Kartenspiel. „Gulam Tschor“ ist eine Art schwarzer Peter. Man legt seine doppelten Karten aus und zieht im Uhrzeigersinn vom Anderen eine Karte, in der Hoffnung, ein Pärchen zu erhalten und so die Karten loszuwerden. Wer zuletzt einen Joker übrig hat, muss zur allgemeinen Erheiterung fünf Kniebeugen machen und sich dabei mit überkreuzten Armen an den Ohren fassen. Ratet mal, wer verloren hat? 

Tag 2: Pothana – Pitam Deurali – Kokar Forest Camp

Um sechs Uhr morgens springen wir aus den Betten, um den Sonnenaufgang zu bewundern. Früh aufstehen lohnt sich immer, da am Morgen die Berge frei sind von Nebel. Nachdem wir ausgiebig geknipst und gefrühstückt haben, wandern wir los. Der schwarze Hund hat auch Lust auf Abenteuer und folgt uns. 

Durch die Bäume des Urwalds schimmert immer wieder der Machhapuchhre, mein Lieblingsberg. Der „Fischschwanz“ ist 6.997 Meter hoch. Mit den moosbewachsenen Bäumen, Flechten und Farnen wirkt die Gegend wie ein verzauberter Märchenwald. Unsere Märchenkönigin Asja sorgt für sagenhafte Geschichten 🙂

Unterwegs treffen wir zwei junge Männer, die kiloweise Gras in einem Korb auf dem Rücken schleppen. Einer fragt, ob uns der Hund belästige. Aber nein, er folgt uns schon den ganzen Tag. „Das ist mein Hund, Kali“, sagt der Mann. Dann fordert er sein Tier auf, mitzukommen. Der Hund blickt von seinem Herrchen zu uns. Dann entscheidet sich Kali, das „schwarze Mädchen“, für uns. Grinsend ziehen die Männer weiter. Anscheinend geht die kleine Abenteurerin öfters zwischen den beiden Orten auf Tour. 

Als wir im Forest Camp ankommen, realisieren wir, das wir uns in einer Art Wettkampf befinden: wer zuerst kommt, schläft zuerst – in einem Zimmer im Guesthouse. Wer wie wir unbeabsichtigt zwei Stunden Pause macht im Tea Shop Rhododendron, wo die Zubereitung von Dal Bhat zwei Stunden dauert, kommt zu spät. Immerhin ergattern wir den letzten Schlafplatz und dürfen alle sechs auf einer Pritsche in einer Wellblechhütte nächtigen. Nach uns kommen noch ein paar Wanderer, sie übernachten im Gastraum, wo das Essen serviert wird, wer das Camp noch später erreicht, muss mit einem Zelt vorlieb nehmen, was bei den eisigen Temperaturen nachts wahrscheinlich kein Spass ist. 

Tag 3: Forest Camp – Low Camp – Badal Danda

Diesmal sind wir bereit für den Wettlauf und stellen uns den Wecker auf fünf Uhr. Noch vor dem ersten Hahnenschrei kriechen wir aus unserer Wellblechhütte. Schnell einen Tee hintergekippt und ein hartgekochtes Ei mit Chapati verputzt, schon machen wir uns auf den Weg. Nach einer halben Stunde erreichen wir das Rest Camp mit einer fantastischen Aussicht auf den Machhapuchhre. Wir stärken uns mit Tee, dann geht es weiter Richtung Low Camp. Wieder wandern wir durch den verwunschenen Märchenwald. 

Kurz nach neun Uhr erreichen wir das Low Camp. Diesmal erkundigen wir uns, was am Schnellsten zuzubereiten ist und bestellen Nudelsuppe. Dann organisieren wir einen Porter, der das Gepäck unserer Freundin mit Rückenschmerzen zum High Camp bringen und dort auch gleich Zimmer für uns reservieren soll. Es stellt sich heraus, dass er das nicht machen kann/will/darf, also befinden wir uns immer noch im Wettlauf um ein angenehmes Zimmer. Unser Vorsprung schmilzt dahin, weil die Zubereitung des Tees länger dauert als erhofft. Da hilft nur tief durchatmen und entspannen!

Bei der nächsten Teepause in Badal Danda wundern wir uns, als unsere Nepalis lange nicht nachkommen. Da Rajina schon vorher schlecht war, vermuten wir, dass sie die Höhenkrankeit erwischt hat. Spontan beschliessen wir, an diesem Ort zu bleiben. Wir inspizieren die Zimmer – einfach, aber okay. Immerhin hat jeder sein eigenes Bett. Kurz darauf treffen Rashil und Rajina ein. Sie sind erschöpft, aber gesund und mit unserer Entscheidung einverstanden. Wir verbringen einen gemütlichen Nachmittag mit Tee am Holzofen. Zwischen den Wolken erhaschen wir einen Blick auf Annapurna South und freuen uns schon auf den Sonnenaufgang am nächsten Tag. „Badal Danda“ heisst übersetzt: Berg in den Wolken, sehr treffend. 

Dank unseres Freundes Bernd, der seit zwanzig Jahren im Land ist und nepalesisch spricht, erfahren wir, dass die junge Frau, die hier den Laden schmeisst, aus einem Dorf in der Nähe stammt und in Pokhara in die zwölfte Klasse geht. In den Dashain-Ferien erledigt sie hier oben einen Ferienjob. 

Während wir am warmen Ofen sitzen und plaudern, prasselt ein ordentlicher Schauer herunter. Wir sind froh, im Trockenen zu sitzen, freuen uns aber jetzt schon auf die verschneiten Berge, die wir morgen erwarten können. 

Zu Dashain herrscht Hochbetrieb und es sind ungewöhnlich viele Nepalis unterwegs, die nicht zu Hause bei den Eltern verbringen, sondern lieber Urlaub machen. Modern times. 

In den Hütten gibt es nur Solarenergie, ergo bei Regen keinen Strom. Wenn es dann auch noch neblig wird, spenden Kerzen ein heimeliges Licht. 

Der Übergang zum Abend ist fliessend und nach einem gemütlichen Abendessen gehen wir früh ins Bett – allerdings müssen wir daran denken, das Frühstück für morgen zu bestellen, damit wir nicht wieder lange warten müssen. 

Tag 4: Badal Danda – High Camp

Sobald die Dämmerung anbricht, werfen wir einen Blick aus dem Fenster und wer steht da? Der Machhapuchhre! Schnell ziehen wir uns an und eilen auf den nächsten Hügel, um den Sonnenaufgang über den Bergen zu beobachten. Etwas außer Atem kommen wir dort oben an. In wenigen Minuten wechseln die Farben von nachtschwarz zu blau, dann färbt sich der Himmel rosa und schließlich glimmen die Bergspitzen gold, orange und gelb. Welch ein Farbschauspiel! 

Unser heutiges Ziel, das High Camp liegt auf 3.540 Metern. Wir kommen gut voran und werden für unseren frühen Aufstieg belohnt: wir machen schnell vier Zimmer im Guesthouse klar. 

Auch hier zieht sich der Himmel zu, eine milchige Brühe versperrt die Sicht, doch wir konnten noch einen kurzen Blick auf die Siebentausender Annapurna Südwand und den Hiunchuli werfen. Wir erahnen, was uns morgen erwarten wird.

Zur Akklimatisierung klettern wir zum ersten Aussichtspunkt auf ca. 4.000 Metern hinauf. Der Weg ist sehr steil, an manchen Stellen müssen wir buchstäblich klettern und uns mit beiden Händen festhalten. Wir blicken hunderte Meter in den Abgrund. Vorsichtig setzen wir einen Schritt nach den anderen. Kein Wunder, dass hier immer wieder Wanderer verschwinden. Mit Herzklopfen tasten wir uns voran und … geschafft.

Am späten Nachmittag schauen wir nach Rashil und Rajina, die sich zurückgezogen haben. Schnell ist klar, warum: Rajina hat tatsächlich die Höhenkrankheit! Sie sitzt wie ein Häufchen Elend über ihrer Knoblauchsuppe und zeigt die typischen Symptome: Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Da hilft nur eins: Abstieg! Wir wollen sie begleiten, doch da bricht schon die Dämmerung herein. Keine gute Idee für Ortsunkundige, allein herumzuspazieren. Also organisieren wir zwei Männer, die das Gepäck tragen und die beiden hinunter führen. Wir bedauern Rajina, die mitten in der Nacht den steilen Weg hinab steigen muss! Doch da ist nichts zu machen, die Höhenkrankheit muss man ernst nehmen. Wir verabschieden uns von den Beiden und hoffen, dass sie heil ankommen. Da waren’s nur noch Vier….

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Tag 5: High Camp -View Point – Sidhing

Wir müssen keinen Wecker stellen, denn ab 4 Uhr stehen alle auf, um rechtzeitig zum Sonnenaufgang den Aussichtspunkt auf 4.200 Metern zu erreichen. Das ganze Guesthouse rumort. Wir haben es nicht ganz so eilig, brechen aber auch gegen Fünf auf. Durch die Dunkelheit tapsen wir los, geführt von unserem lokalen Guide Bernd. Es gibt noch einen zweiten Weg, der nicht so gefährlich ist wie der, den wir gestern genommen haben. Ganz vernünftig entscheiden wir uns für diese Route. Nach einer guten halben Stunde verändert sich das Licht, die Konturen werden schärfer und die Farben treten hervor. Wir begegnen einer Herde Yaks, die bei Wind und Wetter und mit Raureif auf dem Rücken der Kälte trotzen. Allmählich schält sich das Annapurna Massiv aus der Dunkelheit heraus. Daneben glitzert der Machhapuchhre in den ersten Sonnenstrahlen. 

Ist es ein Traum? Nein, meine Finger sind fast taub vor Kälte, die Atemluft schimmert silbern. Es ist Tag und ich muss da rauf! Eine unbeschreibliche Energie treibt mich voran, ich will sehen, was sich hinter dem letzen Hügel verbirgt, die Aussicht muss wunderbar sein. Und ja, gegen sieben Uhr erreichen wir den Aussichtspunkt und es ist wie erwartet: spektakulär! 

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Abstieg von 4.200 Metern auf 1.700

Wir treiben uns gute zwei Stunden dort oben herum, knipsen tausend Fotos und trinken Tee in der Teehütte eines geschäftigen Jungen, dann steigen wir hinab zum High Camp. Dort stärken wir uns mit nur einem Pfannkuchen, was sich später rächen wird, packen unsere Sachen und nehmen Anlauf zur letzten Etappe: wir wollen die alternative Route über Talung Danda nach Sidhing nehmen. Von den Einheimischen ist noch niemand den Weg gelaufen, doch mit Pfadfinder Bernd fühlen wir uns sicher. Laut Hinweisschild dauert der Abstieg etwa dreieinhalb Stunden. Wir gehen davon aus, dass es sich um eine Zeitangabe von und für Nepalis handelt und rechnen mit etwa fünf Stunden für uns. Was für ein Irrtum!

Gegen halb zwölf starten wir und schon ändert sich wieder das Wetter: es wird milchig trüb und neblig. Angeführt von Bernd folgen wir der blauen Markierung und marschieren durch die karge Gegend: die Grasflächen dienen den Yaks als Weidegrund. Nach ungefähr zwei Stunden erreichen wir die Baumgrenze: die ersten Rhododendronbäume markieren den Eingang zum Märchenwald. 

Bienenattacke

Der Wald wirkt noch dichter und gespenstischer als der beim Aufstieg. Blaue Zeichen markieren den Weg. Manchmal gibt es an jedem Ast einen Hinweis, manchmal müssen wir suchen. 

Wir marschieren steil abwärts. Da bemerkten wir einen wilden Bienenschwarm in einem Loch am Boden. „Schau mal, wilde Bienen“, sagt Asja. „Die tun nichts“, erwidere ich und laufe weiter. Plötzlich kreischt Asja auf, fuchtelt mit dem Armen. „Hilf mir!“ Noch ehe ich begreife, was überhaupt los ist, schreit auch auch Silvio. „Ahhh, ich brauche auch Hilfe!“ Hunderte Bienen brummen bedrohlich und machen Jagd auf die Beiden. Ich renne von einem zum anderen, wische vorsichtig die Bienen weg. Innerhalb von Sekunden ist das Schauspiel vorbei. Die Bienen sind verschwunden, doch unzählige Stiche auf Händen, Armen und Rücken sind geblieben. Wir brechen alle in einen hysterischen Lachanfall aus. 

Nun fällt der Abstieg noch schwerer, doch wir bleiben tapfer. In der Zwischenzeit ist klar, dass wir viel länger brauchen, als gedacht und wollen nur bis zum nächsten Teehaus, um dort zu übernachten. Der mystische Wald erscheint immer unheimlicher. Plötzlich sind die blauen Zeichen verschwunden! Vorsichtig blicken wir uns um – jetzt ist auch Bernd nicht mehr da. Beeeeeernd??? Mit klopfendem Herzen spähen wir durch die dichten Bäume. Haben die Waldgeister ihn verschluckt? Dann hören wir ihn. Hier! Ah, er hat den richtigen Weg gefunden! Durch einen Erdrutsch waren die Zeichen verloren gegangen, doch unser Pfadfinder führt uns wieder auf den richtigen Weg. 

Endlich lichtet sich der Wald, da steht das Teehaus. Erleichtert atmen wir auf. Aber, oh nein – es ist geschlossen! Wir können es nicht fassen und rütteln an der Tür. Spähen hinein: da gibt es Essen und Strom. Ob wir die Tür eintreten sollen? Wir entscheiden uns dagegen. Wenn wir uns jetzt beeilen, schaffen wir es bis Sidhing. 

Allein im dunklen Wald

Weitere zwei Stunden stapfen wir durch den immer dunkler werdenden Wald. Wir haben nicht genügend Lampen dabei – eine ist im Rucksack beim Träger, die andere haben wir Rashil für die Rettung von Rajina gegeben. Immerhin haben unsere Telefone eine Taschenlampe. Wir tasten uns voran, versuchen, so schnell wie möglich vorwärts zu kommen und uns dabei nicht die Beine zu brechen auf dem holperigen Weg. Jetzt fängt es auch noch an zu regnen!

Irgendwo ruft eine Stimme. Bernd geht darauf zu. Dank seiner Nepali-Kenntnisse erfahren wir von einer alten Frau, dass es „nicht mehr weit“ ist. Aber was heißt „nicht mehr weit“? Zehn Minuten, eine Stunde? Wir müssen es selbst herausfinden und stolpern weiter. 

Da teilt sich der Weg – müssen wir abbiegen oder geradeaus? Im Zweifel runter, also entscheiden wir uns für diese Richtung und hoffen inständig, dass es die richtige ist. Der Pfad wird immer schmaler. Ist es ein altes Flussbett? Sind wir noch richtig? Jetzt bloss nicht in Panik geraten! Wir bleiben so ruhig wie möglich, reden kaum noch. Es wird immer kälter, doch wir sind verschwitzt, die Klamotten sind durchnässt. 

Endlich erreichen wir das Ende des Waldes, die Lichter eines Dorfes erscheinen. Eine furchtbar steile Steintreppe führt uns hinab. Auf der anderen Seite des Tals leuchtet warmes Licht, ob das unser Guesthouse ist? Aber dann müssten wir hinuntersteigen, durch das Tal und wieder hinauf! Das schaffen wir niemals! An einer Hütte wartet ein junger Mann. Er wurde ausgeschickt, uns einzusammeln. Wir sind erleichtert. Aber auch wieder beunruhigt, als er auf unsere Frage, wie weit es noch sei, antwortet: „nicht mehr weit“. Eine dunkle Vorahnung überfällt uns. 

Wir schleppen uns den Berg hinab. Unten angekommen überqueren wir das Tal über eine Hängebrücke, die sich ewig entlangzieht. Nach der Brücke durchlaufen wir das Dorf, überschreiten einen kleinen Fluss, stapfen durch das Dorf auf der anderen Seite weiter, dann geht es steile Steinstufen wieder hinauf. 

Über dreitausend Höhenmeter in dreizehn Stunden

„Jetzt ist es nicht mehr weit“, sagt der junge Mann. Hat er das nicht vor einer Stunde schon gesagt? Wir nehmen alle Kräfte zusammen, kriechen den Berg hoch, folgen einer kleinen Gasse an einzelnen Wohnhäusern vorbei. Mittlerweile spricht das ganze Dorf von den Wanderern, die aus dem Wald kommen. Der Weg zieht sich über einen weiteren Hügel, es geht noch steiler hinauf. Da sind noch ein paar Stufen und – ein Licht. Warmes Licht leuchtet, wir kommen immer näher. Ja, das ist das Licht, das wir vor einer Ewigkeit auf der anderen Seite des Tals gesehen haben. Sind wir tatsächlich so weit gelaufen? Völlig erschöpft erreichen wir unser Guesthouse. Meine Füsse brennen, ich kann mich kaum noch bewegen, alles schmerzt. 

Irgendwie schaffen wir es in das Haus. Der Gastraum befindet sich – oben! Noch einmal Treppensteigen. Wir schleppen uns hinauf, bestellen ein Bier und Dal Bhat. Noch nie schmeckte es so köstlich wie heute!  

Die Schweiz Nepals

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Schon mal auf dem Motorrad eingeschlafen? Auf einer aalglatten Straße, wie ich hier in Nepal niemals zu träumen gewagt hätte, döse ich auf dem Sozius ein.

Dabei hätte ich nie im Traum daran gedacht, dass ich jemals mit einer Motorradgang durch Nepal düsen würde. Wie komme ich überhaupt zu einer Motorradgang? 

Die wilde Truppe formiert sich aus Mr. Boss, seinem Team und Kollegen der Partnerorganisation. Das Team hatte kühn behauptet, bei der Tour über 200 Kilometer an einem Tag mit dem Motorrad fahren zu wollen. 200km? An einem Tag? Auf diesen Straßen? Unmöglich! Das musste ich mir ansehen. 

Das beste Gefährt für eine solche Tour ist eine die Royal Enfield 500cc, ein indisches Motorrad, das selbst eingefleischte Motorradhasser wie mich mit seinem eigentümlich blubbernden Motorsound beeindruckt. 

Ausgeliehen bei einem Schlitzohr in Thamel, der sich nicht darum schert, dass Motorräder eigentlich nicht mehr an Ausländer verliehen werden dürfen, und ausgestattet mit Staubmaske und staubgeschützten Seesäcken machen wir uns auf den Weg. 

Kaum liegt das Kathmandu Valley hinter uns, ist es auch schon Zeit für das Mittagessen. Denn Mittag ist hier schon um halb elf. Gut gestärkt mit Dal Bhat, dem Nationalgericht, sind wir bereit für die große Fahrt. Mit Vorfreude sitzen wir im Sattel doch dann – bockt die Enni. 

Nach 50 km gibt das Motorrad den Geist auf. Sämtliche Versuche der gesamten Motorradgang bleiben erfolglos. Das Ding gibt keinen Mucks mehr von sich. Zum Glück liegt die Strasse runter eine Motorradwerkstatt. Der emsige Mechaniker probiert über eine Stunde alle Tricks und Kniffe, befeuert von guten Ratschlägen des halben Dorfes. Während sich die Jungs an dem Motorrad zu schaffen machen, schlafe ich auf der Werkbank ein. Als ich wieder erwache, kommt die Nachricht, dass wir eine neue Enni bekommen. Wir warten am Ufer eines Flusses, wo sich die Jungs einen irrsinnigen Spass daraus machen, riesige Steine ins Wasser plumpsen zu lassen, um sich gegenseitig nasszuspritzen. Schließlich tuckert ein Angestellter des Motorradverleihers, der Boy, wie man hier sagt, heran und überlässt uns eine neue Enni: zwar kleiner als die andere, aber rot. Passt.

So beginnt endlich die große Motorradtour und sie führt uns auf die schönste Strasse, die ich jemals in Nepal gesehen habe. Die Einheimischen nennen sie die Green Road, weil sie mit lokalem Material nachhaltig gebaut wurde. Darauf gibt es keine Buckel und keinen Staub. Sie wirkt wie eine europäische Autobahn, führt über Serpentinen weich fliessend auf und ab. Ich bekomme einen Geschwindigkeitsrausch bei 50km/h. 

Aber warum ist diese Strasse so wunderbar anders als alle anderen Strassen des Landes? Die Erklärung ist einfach: diese Strasse führt nach Solukhumbu, die Region, wo der Mount Everest steht. Sie ist also für die Touristen so fein gemacht. Auch wir sind heute Touristen und freuen uns über den Ausblick auf das Flussbett des Sunkhoshi River, der in Tibet entspringt und in den Ganges mündet. Wie im Traum sausen wir dahin, lassen Kilometer um Kilometer und den Tag hinter uns.  

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Sternenhimmel – unter uns, vor uns, über uns

Ist das eine neue Sternenformation vor uns im schwarzen Nachthimmel? Aber nein, das muss eine Ansiedlung sein, dort oben in den Bergen, wo die immer gleiche, grelle Stromsparlampe in einzelnen Hütten blendet. Die Grenze zwischen Himmel und Erde ist fliessend. Alles ist schwarz, überall Nacht. 

Unter uns im dunklen Strom des Flusses, den wir immerzu kreuzen, spiegeln sich die Lichter der Dörfer. Die Sterne funkeln unter, vor und über uns. Es wirkt, als brausten wir über den Sternenhimmel hinweg.

Von Staub zu Spritz

Irgendwann verschlechtert sich die feine Straße zur üblichen staubigen Buckelpiste. An einer kniffligen Stelle durchqueren wir den Fluss. In der Dunkelheit ist die Tiefe schlecht auszumachen, mit Herzklopfen gelangen wir sicher auf die andere Seite.

In einem Kaff am Ende der Welt ereignet sich die nächste Panne. Ein Kollege hat einen platten Reifen. Wir warten in dem spärlich beleuchteten Dorf, dass er sein Motorrad repariert. Endlich ist er fertig, doch dann muss nachts um halb elf unbedingt noch einmal angehalten werden – die Kollegen brauchen doch ihren Reis. In der Ecke eines kläglichen Imbisses an der Strasse liegt ein kleiner Junge, nur mit einem Hemdchen bekleidet, schlafend auf einer abgewetzten Decke. Sein nackter Po wirkt schutzlos in dem kalten Neonlicht.

Nachts durch den Himalaya

Die letzte Strecke bis zu unserem Tagesziel Halesi schlängelt sich aufreizend steil bergauf. Bald haben wir mehr als 220 Kilometer geschafft. Die Fahrbahn ist stellenweise sandig oder von unzähligen Schlaglöchern zerklüftet. Wir blicken hinab in das Sternental. Mal links, mal rechts lauert der Abgrund. Keine Leitplanken.

Friedliche Koexistenz der Religionen

Am nächsten Tag stehen wir früh auf, um noch vor dem Frühstück den wichtigsten Tempel der Region zu besichtigen: der Halesi Tempel gilt als „Pashupatinath des Ostens“ und ist eine heilige Stätte des Hinduismus. Schön zu sehen, wie hier Hinduismus und Buddhismus friedlich nebeneinander existieren. Links Hindus, rechts ein buddhistisches Kloster, alles easy. Hinter der Tempelanlage befindet sich eine riesige Höhle. Darin soll sich Shiva einst vor bösen Dämonen versteckt haben. Man steigt eine steile Treppe hinab und in einem dunklen Gewölbe viele, viele Stufen empor. In der Dunkelheit quietscht und flattert es, wir erahnen die Anwesenheit tausender Fledermäuse.

Traum von der Schweiz

Mittags gibt’s wie immer: Dal Bhat. Also ein Haufen weißer Reis mit Linsensuppe, dazu Blumenkohl und Mangold. Wenn man Glück hat, schmeckt es lecker und es gibt eine gute Chillisosse dazu.

Frauen mit zerfurchten Gesichtern tragen traditionellen Goldschmuck und einen riesigen runden Nasenring. Ich frage mich, wie sie essen können, wo das Schmuckstück sogar bis zur Oberlippe herab hängt.

Sie sind meist in leuchtendes Rot gehüllt, knielange Kleider mit hohen seitlichen Schlitzen, häufig mit Glitzerstickerei verziert, darunter Puffhosen. Und fast alle haben eine dieser langen Ketten um aus glänzenden Glasperlen, in rot oder grün. Meist legen sie auch ein Tuch vor der Brust um die Schultern, sie tragen es genau anders herum, als wir es tun.

Gebückt laufende ältere Herren tragen weite Hosen mit Flatterhemd und Weste und den nepalesischen Nationalhut auf dem Kopf, das Topi.

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Schliesslich gelangen wir nach Jiri, in „die Schweiz Nepals“, 215 Kilometer entfernt vom Ausgangspunkt. Die bewaldeten Berghänge auf 2000 Metern Höhe erinnern tatsächlich an die tiefgrüne Landschaft in Europa, zumal sie dem Himalaya vorgelagert noch nicht von den eisbedeckten Gletschern gesäumt sind und somit einen unverstellten Blick auf die Landschaft und den strahlen blauen Himmel bieten. Statt Reis wachsen hier Pinien und Tannen, wir fahren durch dichten Wald und saugen die klare Luft tief ein.

Wunderschön blau gefiederte Vögel fliegen vorbei, ein Affe sitzt am Wegesrand. Das Knattern der Enni übertönt abertausende Zikaden, es wirkt, als kreischte der Wald vor Freude.

Wir gastieren im „Hotel Zurich View“, einem knallpinken Gebäude mit bunten Wimpeln davor, die im Wind flattern. Am nächsten Tag lassen wir die Schweiz auf uns wirken, dann müssen wir schon zurück nach Kathmandu. 

Die Mittagspause verbringen wir wieder in einem typisch nepalischen Restro mit Plastikstühlen und schrecklicher Musik. Hier gibt es das neue Trendgetränk aus Deutschland, das behauptet, das Einzig wahre Bier zu sein. Ich entscheide mich für Cola in der Glasflasche. Aber ohne Strohhalm. Ich möchte nicht noch mehr Plastik in der ohnehin zugemüllten Landschaft hinterlassen. So schön die sanft geschwungenen Berge mit dem saftigen Wald aus der Ferne auch aussehen, so wütend und traurig macht mich jeder Blick auf den Boden, wo überall Plastikmüll rumliegt und auch in den Flüssen unnormal bunte Fetzen schwimmen.

Auf dem Rückweg nehmen wir eine andere Strecke, um nicht den gleichen Weg zweimal zu fahren. Hätten wir nur gewusst, was da auf uns zukommt. Diese Strasse steht im harten Kontrast zur modernen Autobahn. Wir tuckern stundenlang einen buckeligen Feldweg hinunter, überholen dabei lokale Reisebusse und tonnenschwere Lastwagen, die eine schier undurchdringliche dicke Staubwolke hinterlassen. Schade, dass es hier keine ordentliche Strasse gibt. Die Logik dahinter: Keine Touristen, keine Strasse. 

Mit Staub im Gesicht, aber die Schweiz im Herzen, erreichen wir am Abend das übliche Verkehrschaos Kathmandus und haben tatsächlich 222 Kilometer geschafft. 

Die goldene Infantin

„Bea, wo ist mein goldenes Haarband?“, quengelte Prinzessin Georgia, die siebte und jüngste Tochter von König Juan II. Sie war sein Nesthäkchen, dreizehn Jahre jünger als die vorletzte Tochter Elena, achtzehn Jahre jünger als Thronfolger Carlos, sein Ältester. „Bea, mach mir doch endlich mein Kleid zu, der Ball beginnt schon in drei Stunden“, nervte Prinzessin Georgia weiter. Bea, ihre tüchtige Dienerin, rollte heimlich mit den Augen und steckte das gewünschte Haarband auf den prächtigen goldenen Locken der Infantin fest, um sich umgehend ihrem ebenso goldenen Brokatgewand zu widmen. „Autsch, Bea, du dummes Ding, schnür doch nicht so fest“, meckerte Prinzessin Georgia. Bea stammelte eine Entschuldigung und lockerte die goldenen Bänder auf ein erträgliches Maß. 

Heute Abend sollte der Ball des Jahres, der Ball aller Bälle stattfinden. Der überreife Thronfolger Carlos würde seine Verlobte Margarita von Andalusien ehelichen. Daraufhin fieberte das ganze Land, ach was, die ganze Welt, und Prinzessin Georgia wollte nichts dem Zufall überlassen. 

Prinzessin Georgia hatte in einem aufwendigen Verfahren ihre dunklen Locken golden färben lassen. Sie hatte feinsten Goldstaub für die Arme beschaffen lassen und goldene Sandalen bestellt. Ein lebendes Goldstück wollte sie sein, damit alle von ihrem Glanz geblendet würden. Auch wenn dies nicht exakt so abgesprochen war mit ihren königlichen Eltern, die es lieber sahen, wenn die Aufmerksamkeit auf ihrem Sohn und Thronfolger und dessen zukünftiger Gattin lag. Doch eine Prinzessin muss tun was eine Prinzessin tun muss, dachte sich Prinzessin Georgia und hatte seit Wochen keine Kosten und Mühen gescheut, um an diesem Tage besonders strahlend auszusehen. 

Sie hatte ihrer nichtsnutzigen Dienerin den schönsten goldenen Stoff hingelegt, damit diese das schönste goldene Kleid nähte. Sie hatte extra drei Wochen Diät gehalten, damit das Kleid wie angegossen saß. Sie hatte ihre Reit- und Fechtübungen eingestellt und überprüfte täglich ihre Haut auf Unreinheiten. Sie hatte sich in der Küche darüber informiert, was es zu Essen geben würde. Auch wenn sie nicht wirklich befugt war, hatte sie doch Anweisung gegeben, nur helle Speisen und Weißwein auftragen zu lassen, damit kein Makel ihre königliche Erscheinung trüben könnte. Zugegeben, als ihr Vater dies erfuhr, war er nicht königlich amüsiert gewesen, er hatte ihr jedoch durchgehen lassen, dass zumindest an ihrem Tisch ihre Anordnungen befolgt würden. 

Damit das Volk sich darüber klar wurde, dass die künftige Thronfolgergattin keine so reine Weste trug wie sie, die kleine Infantin, die unschuldigste Prinzessin im ganzen Land, hatte sie kleine Indiskretionen streuen lassen und Briefe Margaritas abgefangen. „Ich vergehe vor Sehnsucht, hahaha“, gab sie laut lachend ihren Stoffpuppen den Inhalt wieder, den sie inzwischen auswendig konnte. „Ich kann es nicht abwarten, mich dir hin-zu-ge-ben“, äffte Georgia den säuselnden Ton nach. Die Puppen ließen sich zu keiner Äußerung hinreißen. Wirklich schamlos, was diese Königin in spe in ihren Briefen schreibt, hatte sich Georgia gedacht und eine Kopie in den Briefkasten der lokalen Presse gesteckt. Als die Briefe veröffentlicht wurden, war das ganze Land in Aufruhr. Die Eltern sprachen endlich über anderes, als immer nur Lobgesänge auf Margarita von Andalusien anzuheben. 

Alle, alle waren sich einig darin, dass Prinzessin Georgia das vorzüglichste kleine, reine Wesen im ganzen Land war. Ach, wäre sie doch nur ein paar Jahre früher geboren, dann hätte sie Thronfolgerin werden können. Vielleicht geschah ja auch ein Unglück und die Hochzeit kam gar nicht zustande? Während sie sich das Kleid glatt strich überlegte sie, wie stark sich wohl die Erdbeerallergie auswirken mochte, von der Margarita einmal gesprochen hatte. 

Prinzessin Georgia freute sich schon auf ihre nächste Aufgabe. Aber zuerst wollte sie das goldene Kleid vorführen und sich für die Ewigkeit darin präsentieren. „Bea, nun mach schon, der Hoffotograf wartet auf mich!“

Frau A. hört nicht auf

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Ob es anderen wohl auch so geht, fragt man sich, wenn man am Abgrund steht.

Wenn der innere Chef rumschreit, man sei faul und wohl nicht ganz gescheit.

Wenn ein Vorfall, über den man sonst lacht, eine Lebenskrise entfacht.

Wenn man gar nicht so viele Tränen hat, wie man weinen will. Und nicht so viel Wein, wie man trinken kann.

Wenn man so regelmäßig verspannt ist, wie man zur Massage geht. Und man sich selbst im Weg steht.

Wenn der innere Boss rummault und einen Druck aufbaut, als müsse man nackt vom Zehnmeterbrett in ein Haifischbecken springen. Dabei muss man sich nur selbst bezwingen.

Und dann hat man es geschafft und das Werk ist vollbracht.

Das ist die Ruhe nach dem Sturm, sagen die alten Hasen und legen sich auf den Rasen.

Das tropfnasse Bündel richtet sich auf und findet seinen Weg hinaus. Von jetzt an allein weiter, klettert es hoch die Leiter.

Und wie nach einer Geburt leistet man den Schwur. Sagt sich, nie wieder, und tut es dann doch wieder.

Da sitzt sie vor dem leeren Papier und fühlt sich provoziert.

Und was macht sie dann? Sie packt es an und schreibt den zweiten Roman.

Vierbeiniger Einbrecher

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Marble: der tut nichts, der will nur Kekse.

Durch die Ohrenstöpsel, die mich jeden Morgen vor dem allzufrühen Hundegebell schützen sollten, drang ein undeutliches Schimpfen – oder Würgen? – in mein Bewusstsein. Gerade steckte ich noch in einem verrückten Traum, als ich realisierte, dass sich dieses undeutliche Meckern im wahren Leben abspielte. Was war da los?

Ich brauchte ein paar Sekunden bis ich realisierte: das Schimpfen kam vom Liebsten, von irgendwo da draußen. Noch ehe ich begriff, was Sache war, stand ich schon an der Schlafzimmertür und erblickte im dunklen Flur die Gestalt des Liebsten, der würgend an mir vorbei ins Badezimmer stürmte. Verwirrt blickte ich auf den Boden, wo sich eine im Dämmerlicht glänzende Lache ausbreitete, so groß wie ein verwunschener See. Ein eigentümlicher Gestank wehte durch die Wohnung. Aus dem Badezimmer hörte ich den Liebsten rufen: „Marble war hier.“ Ich erstarrte. Marble lautet der Name des riesenhaften belgischen Schäferhunds, den unsere Vermieter halten, und mit dem ich bereits eindringlich Bekanntschaft gemacht hatte, als er mich mit einem Keks verwechselt und meiner Schulter ein Kathmandu Tattoo in Form seines Gebisses verpasst hatte. Offenbar hatte er sich in den Morgenstunden in unsere Wohnung geschlichen, auf der Suche nach den leckeren Keksen, die wir ihm im Auftrag seiner Besitzer gaben, und nicht mehr herausgefunden. Bei der verzweifelten Suche nach einem Ausweg muss er sich vor Angst eingemacht haben. Als der Liebste die Schlafzimmertür öffnete, stand er einem verängstigten Tier mit eingeklemmtem Schwanz gegenüber. Genauso geschockt wie der Hund, öffnete S. ihm den Fluchtweg und beide stürmten in gegengesetzte Richtungen. Der Hund hinaus, S. ins Bad.

 

Morgenstund hat Keks im Mund

In wenigen Sekunden überblickte ich das Ausmaß des Schreckens: im Flur der vergiftete See, auf dem Wohnzimmerteppich und im Gästezimmer verstreute Häufchen pure Angst, in der ganzen Wohnung tropfnasse Hundespuren. Ich folgte der Spur mit Blicken und erschrak: selbst beim Eingang zum Schlafzimmer prangten eindeutige Abdrücke auf dem Teppich. Mein Herz klopfte schneller bei der grauenhaften Vorstellung, wie der rasende Hund in Panik unsere Gesichter zerbiss.

Schnell rief ich Sharmila, unser Hausmädchen, damit sie mir beim Saubermachen helfen möge. Aber ach, sie brauchte ewig. Als sie endlich völlig aufgelöst im noch immer nassen Flur erschien, erkannte ich, was sie aufgehalten hatte: der Hund hatte ihren Arm blutig gebissen. Ich stürzte zu unserer Hausapotheke und kramte das Desinfektionsmittel hervor. Mithilfe ihres Gatten reinigten wir das Nötigste, ich rief den Taxifahrer unseres Vertrauens an, um ins Krankenhaus zu fahren. Dann zog ich mir eilig Klamotten an – ich war ja noch im Schlafanzug – spritzte etwas Mundwasser zwischen die Zähne und schon fuhren wir los.

Hunde die bellen, beißen auch

Auf dem Weg zum angeblich besten Krankenhaus der Stadt, dem Norvic Hospital, erklärte mir der Fahrer, dass dies völlig überteuert und die Behandlung gegen Tollwut für die Einheimischen ohnehin kostenlos sei. Wegen der Hundeplage hätte die Regierung diesen Service für die einheimische Bevölkerung eingerichtet. Wir sollten besser das Sukraraj Krankenhaus aufsuchen.

Um halb acht erreichten wir das Krankenhaus. Wir betraten das weitläufige Grundstück und gesellten uns zu den bereits wartenden Menschen an der Pforte. Von zwei Schaltern war nur einer besetzt. Davor spielte sich die übliche nepalische Art des Anstellens ab: alle drängten gleichzeitig an den Schalter. Während der Pförtner durch ein Guckloch mit einer Person sprach, wedelten zwei weitere mit irgendwelchen Zetteln und er fertigte alle gleichzeitig ab. Ich stand am Rand und späte auf die blauen Zettel, die alle in den Händen hielten. „Animal Bite“, Tierbiss, stand darauf.

Sharmila erklärte mir, dass die Behandlung erst um acht Uhr beginne. Also warteten wir mit den anderen. Da stand ein Stuhl und ich forderte sie auf, sich darauf zu setzen. Doch sie weigerte sich und bot ihn mir an. Ich fand, es stand ihr zu, sich zu setzen, war sie doch die Patientin. Aber ich spürte, es war wieder eine Hierarchiefrage, und ob ich es wollte oder nicht, war ich doch der Boss und musste mich auf den Stuhl setzen. Also fügte ich mich, während sie sich auf einer Steinmauer vor dem Pförtnerhäuschen niederließ.

Sign Rabies

Mit einem Mal hatte Sharmila auch einen solchen blauen Zettel in der Hand und wir stellten uns vor der Abteilung für Tierbisse an. Die Tür war mit einem Gitter verschlossen. An der Wand hingen Piktogramme, die anzeigten, wie man sich Hunden gegenüber verhalten solle. Ein rot durchgekreuztes Bild zeigte Kinder, die einen Hund mit Steinen bewarfen. Ich wünschte, alle Kinder des Landes hätten dieses Poster schon betrachtet und hielten sich daran. Schon oft hatte ich beobachtet, wie grausam manche Kinder die Tiere behandelten.

Während wir warteten fiel mir auf, dass die Leute sich ungewöhnlich ordentlich in einer Reihe aufstellten. Ich zählte mindestens fünfzehn Personen, vom Greis bis zum kleinen Jungen. Alle vom Hund gebissen? Die Leute erzählten sich ihre Geschichten und zeigten die Wunden. Ich schluckte. Tatsächlich, alle waren wegen Hundebissen hier.

Landplage Tollwut

Nach einer Weile gab mir Sharmila ein Zeichen, dass wir es bei der Notaufnahme versuchen sollten.

Über eine Rampe betraten wir eine offene Halle. Links vom Eingang befand sich eine abgerundete Theke, offenbar der Empfang. An der Fensterseite standen etwa sechs oder sieben Betten in einer Reihe mit Patienten darauf. Während Sharmila dem beflissen wirkenden Eingangschef in Polohemd und Jeans ihr Anliegen schilderte, schaute ich mich um. Der geräumige Krankenhaussaal glich eher einer rumpeligen Werkstatt.

Hinter einer Säule erkannte ich unbenutzte Betten. Verstaubte Wassergalonen sollten frisches Trinkwasser spenden. Rechts vom Eingang standen medizinische Gerätschaften. In der Mitte des Raumes war noch Platz für eine ganze Kompanie Versehrter. Darin stand eine Helferin mit Mundschutz und fegte Unrat zusammen, dass es nur so staubte. Mir stellten sich die Härchen an den Armen auf. „Hygiene??“, schrie es in mir.

Eine sehr dünn und zerbrechlich wirkende faltige Frau – schwer zu sagen ob sie alt oder ausgezehrt war – wurde in einem verrosteten Rollstuhl aus dem letzten Jahrtausend auf wackeligen Rädern eingeliefert. Die Patienten auf den Betten blickten mit verzogenen Mienen in die Welt – waren dies schmerzverzerrte oder verzweifelte Gesichter?

Der nette Herr am Tresen schickte Sharmila weg. Ich fragte ihn, ob er Englisch spreche und erkundigte mich nach dem aktuellen Stand. Sie würde zunächst eine Tetanusspritze bekommen. Den Wirkstoff kaufte sie gerade in der Apotheke gegenüber dem Krankenhaus für umgerechnet nicht einmal dreißig Cent. Ich fragte, ob sie auch gegen Tollwut gespritzt würde, obwohl Marble ein Haushund sei. „Wir trauen keinem Hund“, erwiderte der Mann. Aber die Behandlung sei kostenlos. Ich bat ihn, ihr zu übersetzen, dass sie sich eine Woche frei nehmen solle. Nach der ersten Behandlung muss sie sich drei weitere Spritzen geben lassen, um den Impfschutz zur Wirkung kommen zu lassen.

Der Traum von Hygiene

Sobald sie wieder da war, kam Bewegung in die Sache. Jemand gebot Sharmila, sie möge sich die Wunde auswaschen. Ich folgte ihr auf die andere Seite des Saals. In einer Ecke befand sich ein mit grauen Schlieren überzogenes Waschbecken, dessen letzte Reinigung vermutlich ungefähr so lange her war wie der letzte Vollmond. Oder ein paar Mondzyklen vorher. Eine verstaubte Wasserfilteranlage versprach sauberes Trinkwasser, doch ich hegte Zweifel, ob der uralte Filter dieses Versprechen einlösen könnte.

Sharmila nahm ein auf Würfelgröße geschrumpftes Stück pinke Seife und reinigte ihre Wunde. Dabei erkannte ich, dass der Hund zweimal zugebissen hatte. Ich half ihr, die zweite Stelle unter ihrem Ärmel einigermaßen schicklich zu erreichen. Dabei überlegte ich, wie viele hundert Patienten diese Seife wohl schon benutzt hatten und ob ich eine hysterische Hygienefanatikerin war.

Zurück am Tresen, versammelten sich fünf junge Damen und Herren, die mit Mundschutz und Arztkittel auf mich wirkten wie Praktikanten, um Sharmila. Neben einem Patientenbett, auf dem eine Frau lag, stand ein Hocker. Ein Mann hatte darauf gesessen, so dass ich angenommen hatte, er gehöre zu ihr. Doch offenbar war er ein anderer Patient, der jetzt von einem Herrn in Zivil, aber mit Mundschutz, verscheucht wurde, um Platz zu machen für Sharmila. Diese setzte sich und die Schwesternschülerinnen scharten sich um sie, offenbar um zuzuschauen, wie Sharmila die Spritzen bekam.

Ich wurde abgelenkt durch einen kleinen Jungen, der mir an der Hand seiner Mutter bereits vor der Abteilung für Tierbisse aufgefallen war. Er zog gerade seine Hosen herunter und präsentierte einen dick angeschwollenen, rot verfärbten Biss, ganz offenbar von einem großen Hund. Wieder stellten sich mir die Härchen an den Armen auf. Die Straßenhunde geraten wirklich zur Plage. Es versteht sich von selbst, dass man Straßenhunde nicht anfassen sollte und falls doch, danach die Hände waschen. Zu den weiteren Überträgern gehören übrigens Affen und Katzen.

Ich war froh um meine Tollwut-Impfung, die ich mir vorab im Tropeninstitut in Berlin besorgt hatte. Was ich aber jetzt erst erfahren habe: auch mit Impfung muss man innerhalb von achtundvierzig Stunden nach einem Biss zum Arzt und sich nachimpfen lassen.

Heilung zum Selbstkostenpreis

Nachdem Sharmila versorgt war, gingen wir nochmal zur Apotheke und ich besorgte ihr eine Medizin, die wir selbstverständlich selbst bezahlen mussten. Die Wunde solle nicht verschlossen werden, damit sie besser heile, lautete das Argument auf meine Nachfrage, warum sie keine Bandage bekäme.

Sobald ich wieder zu Hause war, reinigte ich stundenlang die Wohnung und ich schwor mir, dem Hund nie wieder Kekse zu geben. Nach zehn Tagen sollten wir den Zustand des Hundes überprüfen. Hoffen wir, dass er nicht von Tollwut, sondern nur von einer Kekssucht befallen ist.

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Der beste Freund des Menschen: Kekse