Mardi Himal: Der steilste Abstieg

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Wenn in Nepal das Leben still steht, weil alle nach Hause fahren, um Dashain zu feiern – das höchste Fest der Hindus, vergleichbar mit Weihnachten – nutzen wir die Zeit für eine Wandertour. Diesmal haben wir uns ein wenig bekanntes Ziel herausgesucht: der Mardi Himal Trek ist erst seit 2012 für die Öffentlichkeit freigegeben.

Wir starten mit dem Jeep in Kathmandu. Diese Strasse ist etwas besser als die anderen, die wir sonst so kennen, dennoch kommt es durch Lastwagen und Busse zu vielen Staus. Mit einer Mittagspause brauchen wir gute acht Stunden für die rund 200 Kilometer bis Pokhara. 

In Pokhara angekommen marschieren wir direkt zum Tourismusbüro, um uns die notwendige Wander-Genehmigung und den Touristenpass zu holen. Hierfür benötigt man jeweils zwei Passfotos, die man in der Regel direkt vor Ort anfertigen lassen kann, und jeweils 2.000 Rupien für die Gebühr. 

Abends gönnen wir uns ein letztes köstliches Abendessen beim Italiener Caffe Concerto, mit dem Wissen, dass wir in den nächsten Tagen wenig kulinarische Abwechslung erwarten können. Aber wir sind ja nicht zum Schlemmen hier!

Tag 1: Phedi- Dhampus – Deurali – Pothana

Wir lassen uns von Pokhara mit dem Jeep nach Phedi bringen, wo unsere Wandertour beginnt. Zum Einstieg erwarten uns steile Steinstufen inmitten eines dichten Waldes. Wundervolle Vögel zwitschern ein Lied, Affen kauern am Wegesrand, Schmetterlinge tanzen vor unserer Nase. Mittags machen wir Pause in einem kleinen Teehaus und stellen mit einem Blick ins Tal erstaunt fest, wie weit wir schon gekommen sind. 

Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir Pothana und bestellen gleich eine Thermoskanne Ingwer-Zitronen-Tee mit dem lokalen Khukri Rum zum Aufwärmen. Ein schwarzer Hund legt sich vor die Tür und hält Wache.

Unsere nepalesischen Freunde Rajina und Rashil zeigen uns ein witziges Kartenspiel. „Gulam Tschor“ ist eine Art schwarzer Peter. Man legt seine doppelten Karten aus und zieht im Uhrzeigersinn vom Anderen eine Karte, in der Hoffnung, ein Pärchen zu erhalten und so die Karten loszuwerden. Wer zuletzt einen Joker übrig hat, muss zur allgemeinen Erheiterung fünf Kniebeugen machen und sich dabei mit überkreuzten Armen an den Ohren fassen. Ratet mal, wer verloren hat? 

Tag 2: Pothana – Pitam Deurali – Kokar Forest Camp

Um sechs Uhr morgens springen wir aus den Betten, um den Sonnenaufgang zu bewundern. Früh aufstehen lohnt sich immer, da am Morgen die Berge frei sind von Nebel. Nachdem wir ausgiebig geknipst und gefrühstückt haben, wandern wir los. Der schwarze Hund hat auch Lust auf Abenteuer und folgt uns. 

Durch die Bäume des Urwalds schimmert immer wieder der Machhapuchhre, mein Lieblingsberg. Der „Fischschwanz“ ist 6.997 Meter hoch. Mit den moosbewachsenen Bäumen, Flechten und Farnen wirkt die Gegend wie ein verzauberter Märchenwald. Unsere Märchenkönigin Asja sorgt für sagenhafte Geschichten 🙂

Unterwegs treffen wir zwei junge Männer, die kiloweise Gras in einem Korb auf dem Rücken schleppen. Einer fragt, ob uns der Hund belästige. Aber nein, er folgt uns schon den ganzen Tag. „Das ist mein Hund, Kali“, sagt der Mann. Dann fordert er sein Tier auf, mitzukommen. Der Hund blickt von seinem Herrchen zu uns. Dann entscheidet sich Kali, das „schwarze Mädchen“, für uns. Grinsend ziehen die Männer weiter. Anscheinend geht die kleine Abenteurerin öfters zwischen den beiden Orten auf Tour. 

Als wir im Forest Camp ankommen, realisieren wir, das wir uns in einer Art Wettkampf befinden: wer zuerst kommt, schläft zuerst – in einem Zimmer im Guesthouse. Wer wie wir unbeabsichtigt zwei Stunden Pause macht im Tea Shop Rhododendron, wo die Zubereitung von Dal Bhat zwei Stunden dauert, kommt zu spät. Immerhin ergattern wir den letzten Schlafplatz und dürfen alle sechs auf einer Pritsche in einer Wellblechhütte nächtigen. Nach uns kommen noch ein paar Wanderer, sie übernachten im Gastraum, wo das Essen serviert wird, wer das Camp noch später erreicht, muss mit einem Zelt vorlieb nehmen, was bei den eisigen Temperaturen nachts wahrscheinlich kein Spass ist. 

Tag 3: Forest Camp – Low Camp – Badal Danda

Diesmal sind wir bereit für den Wettlauf und stellen uns den Wecker auf fünf Uhr. Noch vor dem ersten Hahnenschrei kriechen wir aus unserer Wellblechhütte. Schnell einen Tee hintergekippt und ein hartgekochtes Ei mit Chapati verputzt, schon machen wir uns auf den Weg. Nach einer halben Stunde erreichen wir das Rest Camp mit einer fantastischen Aussicht auf den Machhapuchhre. Wir stärken uns mit Tee, dann geht es weiter Richtung Low Camp. Wieder wandern wir durch den verwunschenen Märchenwald. 

Kurz nach neun Uhr erreichen wir das Low Camp. Diesmal erkundigen wir uns, was am Schnellsten zuzubereiten ist und bestellen Nudelsuppe. Dann organisieren wir einen Porter, der das Gepäck unserer Freundin mit Rückenschmerzen zum High Camp bringen und dort auch gleich Zimmer für uns reservieren soll. Es stellt sich heraus, dass er das nicht machen kann/will/darf, also befinden wir uns immer noch im Wettlauf um ein angenehmes Zimmer. Unser Vorsprung schmilzt dahin, weil die Zubereitung des Tees länger dauert als erhofft. Da hilft nur tief durchatmen und entspannen!

Bei der nächsten Teepause in Badal Danda wundern wir uns, als unsere Nepalis lange nicht nachkommen. Da Rajina schon vorher schlecht war, vermuten wir, dass sie die Höhenkrankeit erwischt hat. Spontan beschliessen wir, an diesem Ort zu bleiben. Wir inspizieren die Zimmer – einfach, aber okay. Immerhin hat jeder sein eigenes Bett. Kurz darauf treffen Rashil und Rajina ein. Sie sind erschöpft, aber gesund und mit unserer Entscheidung einverstanden. Wir verbringen einen gemütlichen Nachmittag mit Tee am Holzofen. Zwischen den Wolken erhaschen wir einen Blick auf Annapurna South und freuen uns schon auf den Sonnenaufgang am nächsten Tag. „Badal Danda“ heisst übersetzt: Berg in den Wolken, sehr treffend. 

Dank unseres Freundes Bernd, der seit zwanzig Jahren im Land ist und nepalesisch spricht, erfahren wir, dass die junge Frau, die hier den Laden schmeisst, aus einem Dorf in der Nähe stammt und in Pokhara in die zwölfte Klasse geht. In den Dashain-Ferien erledigt sie hier oben einen Ferienjob. 

Während wir am warmen Ofen sitzen und plaudern, prasselt ein ordentlicher Schauer herunter. Wir sind froh, im Trockenen zu sitzen, freuen uns aber jetzt schon auf die verschneiten Berge, die wir morgen erwarten können. 

Zu Dashain herrscht Hochbetrieb und es sind ungewöhnlich viele Nepalis unterwegs, die nicht zu Hause bei den Eltern verbringen, sondern lieber Urlaub machen. Modern times. 

In den Hütten gibt es nur Solarenergie, ergo bei Regen keinen Strom. Wenn es dann auch noch neblig wird, spenden Kerzen ein heimeliges Licht. 

Der Übergang zum Abend ist fliessend und nach einem gemütlichen Abendessen gehen wir früh ins Bett – allerdings müssen wir daran denken, das Frühstück für morgen zu bestellen, damit wir nicht wieder lange warten müssen. 

Tag 4: Badal Danda – High Camp

Sobald die Dämmerung anbricht, werfen wir einen Blick aus dem Fenster und wer steht da? Der Machhapuchhre! Schnell ziehen wir uns an und eilen auf den nächsten Hügel, um den Sonnenaufgang über den Bergen zu beobachten. Etwas außer Atem kommen wir dort oben an. In wenigen Minuten wechseln die Farben von nachtschwarz zu blau, dann färbt sich der Himmel rosa und schließlich glimmen die Bergspitzen gold, orange und gelb. Welch ein Farbschauspiel! 

Unser heutiges Ziel, das High Camp liegt auf 3.540 Metern. Wir kommen gut voran und werden für unseren frühen Aufstieg belohnt: wir machen schnell vier Zimmer im Guesthouse klar. 

Auch hier zieht sich der Himmel zu, eine milchige Brühe versperrt die Sicht, doch wir konnten noch einen kurzen Blick auf die Siebentausender Annapurna Südwand und den Hiunchuli werfen. Wir erahnen, was uns morgen erwarten wird.

Zur Akklimatisierung klettern wir zum ersten Aussichtspunkt auf ca. 4.000 Metern hinauf. Der Weg ist sehr steil, an manchen Stellen müssen wir buchstäblich klettern und uns mit beiden Händen festhalten. Wir blicken hunderte Meter in den Abgrund. Vorsichtig setzen wir einen Schritt nach den anderen. Kein Wunder, dass hier immer wieder Wanderer verschwinden. Mit Herzklopfen tasten wir uns voran und … geschafft.

Am späten Nachmittag schauen wir nach Rashil und Rajina, die sich zurückgezogen haben. Schnell ist klar, warum: Rajina hat tatsächlich die Höhenkrankheit! Sie sitzt wie ein Häufchen Elend über ihrer Knoblauchsuppe und zeigt die typischen Symptome: Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Da hilft nur eins: Abstieg! Wir wollen sie begleiten, doch da bricht schon die Dämmerung herein. Keine gute Idee für Ortsunkundige, allein herumzuspazieren. Also organisieren wir zwei Männer, die das Gepäck tragen und die beiden hinunter führen. Wir bedauern Rajina, die mitten in der Nacht den steilen Weg hinab steigen muss! Doch da ist nichts zu machen, die Höhenkrankheit muss man ernst nehmen. Wir verabschieden uns von den Beiden und hoffen, dass sie heil ankommen. Da waren’s nur noch Vier….

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Tag 5: High Camp -View Point – Sidhing

Wir müssen keinen Wecker stellen, denn ab 4 Uhr stehen alle auf, um rechtzeitig zum Sonnenaufgang den Aussichtspunkt auf 4.200 Metern zu erreichen. Das ganze Guesthouse rumort. Wir haben es nicht ganz so eilig, brechen aber auch gegen Fünf auf. Durch die Dunkelheit tapsen wir los, geführt von unserem lokalen Guide Bernd. Es gibt noch einen zweiten Weg, der nicht so gefährlich ist wie der, den wir gestern genommen haben. Ganz vernünftig entscheiden wir uns für diese Route. Nach einer guten halben Stunde verändert sich das Licht, die Konturen werden schärfer und die Farben treten hervor. Wir begegnen einer Herde Yaks, die bei Wind und Wetter und mit Raureif auf dem Rücken der Kälte trotzen. Allmählich schält sich das Annapurna Massiv aus der Dunkelheit heraus. Daneben glitzert der Machhapuchhre in den ersten Sonnenstrahlen. 

Ist es ein Traum? Nein, meine Finger sind fast taub vor Kälte, die Atemluft schimmert silbern. Es ist Tag und ich muss da rauf! Eine unbeschreibliche Energie treibt mich voran, ich will sehen, was sich hinter dem letzen Hügel verbirgt, die Aussicht muss wunderbar sein. Und ja, gegen sieben Uhr erreichen wir den Aussichtspunkt und es ist wie erwartet: spektakulär! 

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Abstieg von 4.200 Metern auf 1.700

Wir treiben uns gute zwei Stunden dort oben herum, knipsen tausend Fotos und trinken Tee in der Teehütte eines geschäftigen Jungen, dann steigen wir hinab zum High Camp. Dort stärken wir uns mit nur einem Pfannkuchen, was sich später rächen wird, packen unsere Sachen und nehmen Anlauf zur letzten Etappe: wir wollen die alternative Route über Talung Danda nach Sidhing nehmen. Von den Einheimischen ist noch niemand den Weg gelaufen, doch mit Pfadfinder Bernd fühlen wir uns sicher. Laut Hinweisschild dauert der Abstieg etwa dreieinhalb Stunden. Wir gehen davon aus, dass es sich um eine Zeitangabe von und für Nepalis handelt und rechnen mit etwa fünf Stunden für uns. Was für ein Irrtum!

Gegen halb zwölf starten wir und schon ändert sich wieder das Wetter: es wird milchig trüb und neblig. Angeführt von Bernd folgen wir der blauen Markierung und marschieren durch die karge Gegend: die Grasflächen dienen den Yaks als Weidegrund. Nach ungefähr zwei Stunden erreichen wir die Baumgrenze: die ersten Rhododendronbäume markieren den Eingang zum Märchenwald. 

Bienenattacke

Der Wald wirkt noch dichter und gespenstischer als der beim Aufstieg. Blaue Zeichen markieren den Weg. Manchmal gibt es an jedem Ast einen Hinweis, manchmal müssen wir suchen. 

Wir marschieren steil abwärts. Da bemerkten wir einen wilden Bienenschwarm in einem Loch am Boden. „Schau mal, wilde Bienen“, sagt Asja. „Die tun nichts“, erwidere ich und laufe weiter. Plötzlich kreischt Asja auf, fuchtelt mit dem Armen. „Hilf mir!“ Noch ehe ich begreife, was überhaupt los ist, schreit auch auch Silvio. „Ahhh, ich brauche auch Hilfe!“ Hunderte Bienen brummen bedrohlich und machen Jagd auf die Beiden. Ich renne von einem zum anderen, wische vorsichtig die Bienen weg. Innerhalb von Sekunden ist das Schauspiel vorbei. Die Bienen sind verschwunden, doch unzählige Stiche auf Händen, Armen und Rücken sind geblieben. Wir brechen alle in einen hysterischen Lachanfall aus. 

Nun fällt der Abstieg noch schwerer, doch wir bleiben tapfer. In der Zwischenzeit ist klar, dass wir viel länger brauchen, als gedacht und wollen nur bis zum nächsten Teehaus, um dort zu übernachten. Der mystische Wald erscheint immer unheimlicher. Plötzlich sind die blauen Zeichen verschwunden! Vorsichtig blicken wir uns um – jetzt ist auch Bernd nicht mehr da. Beeeeeernd??? Mit klopfendem Herzen spähen wir durch die dichten Bäume. Haben die Waldgeister ihn verschluckt? Dann hören wir ihn. Hier! Ah, er hat den richtigen Weg gefunden! Durch einen Erdrutsch waren die Zeichen verloren gegangen, doch unser Pfadfinder führt uns wieder auf den richtigen Weg. 

Endlich lichtet sich der Wald, da steht das Teehaus. Erleichtert atmen wir auf. Aber, oh nein – es ist geschlossen! Wir können es nicht fassen und rütteln an der Tür. Spähen hinein: da gibt es Essen und Strom. Ob wir die Tür eintreten sollen? Wir entscheiden uns dagegen. Wenn wir uns jetzt beeilen, schaffen wir es bis Sidhing. 

Allein im dunklen Wald

Weitere zwei Stunden stapfen wir durch den immer dunkler werdenden Wald. Wir haben nicht genügend Lampen dabei – eine ist im Rucksack beim Träger, die andere haben wir Rashil für die Rettung von Rajina gegeben. Immerhin haben unsere Telefone eine Taschenlampe. Wir tasten uns voran, versuchen, so schnell wie möglich vorwärts zu kommen und uns dabei nicht die Beine zu brechen auf dem holperigen Weg. Jetzt fängt es auch noch an zu regnen!

Irgendwo ruft eine Stimme. Bernd geht darauf zu. Dank seiner Nepali-Kenntnisse erfahren wir von einer alten Frau, dass es „nicht mehr weit“ ist. Aber was heißt „nicht mehr weit“? Zehn Minuten, eine Stunde? Wir müssen es selbst herausfinden und stolpern weiter. 

Da teilt sich der Weg – müssen wir abbiegen oder geradeaus? Im Zweifel runter, also entscheiden wir uns für diese Richtung und hoffen inständig, dass es die richtige ist. Der Pfad wird immer schmaler. Ist es ein altes Flussbett? Sind wir noch richtig? Jetzt bloss nicht in Panik geraten! Wir bleiben so ruhig wie möglich, reden kaum noch. Es wird immer kälter, doch wir sind verschwitzt, die Klamotten sind durchnässt. 

Endlich erreichen wir das Ende des Waldes, die Lichter eines Dorfes erscheinen. Eine furchtbar steile Steintreppe führt uns hinab. Auf der anderen Seite des Tals leuchtet warmes Licht, ob das unser Guesthouse ist? Aber dann müssten wir hinuntersteigen, durch das Tal und wieder hinauf! Das schaffen wir niemals! An einer Hütte wartet ein junger Mann. Er wurde ausgeschickt, uns einzusammeln. Wir sind erleichtert. Aber auch wieder beunruhigt, als er auf unsere Frage, wie weit es noch sei, antwortet: „nicht mehr weit“. Eine dunkle Vorahnung überfällt uns. 

Wir schleppen uns den Berg hinab. Unten angekommen überqueren wir das Tal über eine Hängebrücke, die sich ewig entlangzieht. Nach der Brücke durchlaufen wir das Dorf, überschreiten einen kleinen Fluss, stapfen durch das Dorf auf der anderen Seite weiter, dann geht es steile Steinstufen wieder hinauf. 

Über dreitausend Höhenmeter in dreizehn Stunden

„Jetzt ist es nicht mehr weit“, sagt der junge Mann. Hat er das nicht vor einer Stunde schon gesagt? Wir nehmen alle Kräfte zusammen, kriechen den Berg hoch, folgen einer kleinen Gasse an einzelnen Wohnhäusern vorbei. Mittlerweile spricht das ganze Dorf von den Wanderern, die aus dem Wald kommen. Der Weg zieht sich über einen weiteren Hügel, es geht noch steiler hinauf. Da sind noch ein paar Stufen und – ein Licht. Warmes Licht leuchtet, wir kommen immer näher. Ja, das ist das Licht, das wir vor einer Ewigkeit auf der anderen Seite des Tals gesehen haben. Sind wir tatsächlich so weit gelaufen? Völlig erschöpft erreichen wir unser Guesthouse. Meine Füsse brennen, ich kann mich kaum noch bewegen, alles schmerzt. 

Irgendwie schaffen wir es in das Haus. Der Gastraum befindet sich – oben! Noch einmal Treppensteigen. Wir schleppen uns hinauf, bestellen ein Bier und Dal Bhat. Noch nie schmeckte es so köstlich wie heute!  

Die Schweiz Nepals

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Schon mal auf dem Motorrad eingeschlafen? Auf einer aalglatten Straße, wie ich hier in Nepal niemals zu träumen gewagt hätte, döse ich auf dem Sozius ein.

Dabei hätte ich nie im Traum daran gedacht, dass ich jemals mit einer Motorradgang durch Nepal düsen würde. Wie komme ich überhaupt zu einer Motorradgang? 

Die wilde Truppe formiert sich aus Mr. Boss, seinem Team und Kollegen der Partnerorganisation. Das Team hatte kühn behauptet, bei der Tour über 200 Kilometer an einem Tag mit dem Motorrad fahren zu wollen. 200km? An einem Tag? Auf diesen Straßen? Unmöglich! Das musste ich mir ansehen. 

Das beste Gefährt für eine solche Tour ist eine die Royal Enfield 500cc, ein indisches Motorrad, das selbst eingefleischte Motorradhasser wie mich mit seinem eigentümlich blubbernden Motorsound beeindruckt. 

Ausgeliehen bei einem Schlitzohr in Thamel, der sich nicht darum schert, dass Motorräder eigentlich nicht mehr an Ausländer verliehen werden dürfen, und ausgestattet mit Staubmaske und staubgeschützten Seesäcken machen wir uns auf den Weg. 

Kaum liegt das Kathmandu Valley hinter uns, ist es auch schon Zeit für das Mittagessen. Denn Mittag ist hier schon um halb elf. Gut gestärkt mit Dal Bhat, dem Nationalgericht, sind wir bereit für die große Fahrt. Mit Vorfreude sitzen wir im Sattel doch dann – bockt die Enni. 

Nach 50 km gibt das Motorrad den Geist auf. Sämtliche Versuche der gesamten Motorradgang bleiben erfolglos. Das Ding gibt keinen Mucks mehr von sich. Zum Glück liegt die Strasse runter eine Motorradwerkstatt. Der emsige Mechaniker probiert über eine Stunde alle Tricks und Kniffe, befeuert von guten Ratschlägen des halben Dorfes. Während sich die Jungs an dem Motorrad zu schaffen machen, schlafe ich auf der Werkbank ein. Als ich wieder erwache, kommt die Nachricht, dass wir eine neue Enni bekommen. Wir warten am Ufer eines Flusses, wo sich die Jungs einen irrsinnigen Spass daraus machen, riesige Steine ins Wasser plumpsen zu lassen, um sich gegenseitig nasszuspritzen. Schließlich tuckert ein Angestellter des Motorradverleihers, der Boy, wie man hier sagt, heran und überlässt uns eine neue Enni: zwar kleiner als die andere, aber rot. Passt.

So beginnt endlich die große Motorradtour und sie führt uns auf die schönste Strasse, die ich jemals in Nepal gesehen habe. Die Einheimischen nennen sie die Green Road, weil sie mit lokalem Material nachhaltig gebaut wurde. Darauf gibt es keine Buckel und keinen Staub. Sie wirkt wie eine europäische Autobahn, führt über Serpentinen weich fliessend auf und ab. Ich bekomme einen Geschwindigkeitsrausch bei 50km/h. 

Aber warum ist diese Strasse so wunderbar anders als alle anderen Strassen des Landes? Die Erklärung ist einfach: diese Strasse führt nach Solukhumbu, die Region, wo der Mount Everest steht. Sie ist also für die Touristen so fein gemacht. Auch wir sind heute Touristen und freuen uns über den Ausblick auf das Flussbett des Sunkhoshi River, der in Tibet entspringt und in den Ganges mündet. Wie im Traum sausen wir dahin, lassen Kilometer um Kilometer und den Tag hinter uns.  

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Sternenhimmel – unter uns, vor uns, über uns

Ist das eine neue Sternenformation vor uns im schwarzen Nachthimmel? Aber nein, das muss eine Ansiedlung sein, dort oben in den Bergen, wo die immer gleiche, grelle Stromsparlampe in einzelnen Hütten blendet. Die Grenze zwischen Himmel und Erde ist fliessend. Alles ist schwarz, überall Nacht. 

Unter uns im dunklen Strom des Flusses, den wir immerzu kreuzen, spiegeln sich die Lichter der Dörfer. Die Sterne funkeln unter, vor und über uns. Es wirkt, als brausten wir über den Sternenhimmel hinweg.

Von Staub zu Spritz

Irgendwann verschlechtert sich die feine Straße zur üblichen staubigen Buckelpiste. An einer kniffligen Stelle durchqueren wir den Fluss. In der Dunkelheit ist die Tiefe schlecht auszumachen, mit Herzklopfen gelangen wir sicher auf die andere Seite.

In einem Kaff am Ende der Welt ereignet sich die nächste Panne. Ein Kollege hat einen platten Reifen. Wir warten in dem spärlich beleuchteten Dorf, dass er sein Motorrad repariert. Endlich ist er fertig, doch dann muss nachts um halb elf unbedingt noch einmal angehalten werden – die Kollegen brauchen doch ihren Reis. In der Ecke eines kläglichen Imbisses an der Strasse liegt ein kleiner Junge, nur mit einem Hemdchen bekleidet, schlafend auf einer abgewetzten Decke. Sein nackter Po wirkt schutzlos in dem kalten Neonlicht.

Nachts durch den Himalaya

Die letzte Strecke bis zu unserem Tagesziel Halesi schlängelt sich aufreizend steil bergauf. Bald haben wir mehr als 220 Kilometer geschafft. Die Fahrbahn ist stellenweise sandig oder von unzähligen Schlaglöchern zerklüftet. Wir blicken hinab in das Sternental. Mal links, mal rechts lauert der Abgrund. Keine Leitplanken.

Friedliche Koexistenz der Religionen

Am nächsten Tag stehen wir früh auf, um noch vor dem Frühstück den wichtigsten Tempel der Region zu besichtigen: der Halesi Tempel gilt als „Pashupatinath des Ostens“ und ist eine heilige Stätte des Hinduismus. Schön zu sehen, wie hier Hinduismus und Buddhismus friedlich nebeneinander existieren. Links Hindus, rechts ein buddhistisches Kloster, alles easy. Hinter der Tempelanlage befindet sich eine riesige Höhle. Darin soll sich Shiva einst vor bösen Dämonen versteckt haben. Man steigt eine steile Treppe hinab und in einem dunklen Gewölbe viele, viele Stufen empor. In der Dunkelheit quietscht und flattert es, wir erahnen die Anwesenheit tausender Fledermäuse.

Traum von der Schweiz

Mittags gibt’s wie immer: Dal Bhat. Also ein Haufen weißer Reis mit Linsensuppe, dazu Blumenkohl und Mangold. Wenn man Glück hat, schmeckt es lecker und es gibt eine gute Chillisosse dazu.

Frauen mit zerfurchten Gesichtern tragen traditionellen Goldschmuck und einen riesigen runden Nasenring. Ich frage mich, wie sie essen können, wo das Schmuckstück sogar bis zur Oberlippe herab hängt.

Sie sind meist in leuchtendes Rot gehüllt, knielange Kleider mit hohen seitlichen Schlitzen, häufig mit Glitzerstickerei verziert, darunter Puffhosen. Und fast alle haben eine dieser langen Ketten um aus glänzenden Glasperlen, in rot oder grün. Meist legen sie auch ein Tuch vor der Brust um die Schultern, sie tragen es genau anders herum, als wir es tun.

Gebückt laufende ältere Herren tragen weite Hosen mit Flatterhemd und Weste und den nepalesischen Nationalhut auf dem Kopf, das Topi.

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Schliesslich gelangen wir nach Jiri, in „die Schweiz Nepals“, 215 Kilometer entfernt vom Ausgangspunkt. Die bewaldeten Berghänge auf 2000 Metern Höhe erinnern tatsächlich an die tiefgrüne Landschaft in Europa, zumal sie dem Himalaya vorgelagert noch nicht von den eisbedeckten Gletschern gesäumt sind und somit einen unverstellten Blick auf die Landschaft und den strahlen blauen Himmel bieten. Statt Reis wachsen hier Pinien und Tannen, wir fahren durch dichten Wald und saugen die klare Luft tief ein.

Wunderschön blau gefiederte Vögel fliegen vorbei, ein Affe sitzt am Wegesrand. Das Knattern der Enni übertönt abertausende Zikaden, es wirkt, als kreischte der Wald vor Freude.

Wir gastieren im „Hotel Zurich View“, einem knallpinken Gebäude mit bunten Wimpeln davor, die im Wind flattern. Am nächsten Tag lassen wir die Schweiz auf uns wirken, dann müssen wir schon zurück nach Kathmandu. 

Die Mittagspause verbringen wir wieder in einem typisch nepalischen Restro mit Plastikstühlen und schrecklicher Musik. Hier gibt es das neue Trendgetränk aus Deutschland, das behauptet, das Einzig wahre Bier zu sein. Ich entscheide mich für Cola in der Glasflasche. Aber ohne Strohhalm. Ich möchte nicht noch mehr Plastik in der ohnehin zugemüllten Landschaft hinterlassen. So schön die sanft geschwungenen Berge mit dem saftigen Wald aus der Ferne auch aussehen, so wütend und traurig macht mich jeder Blick auf den Boden, wo überall Plastikmüll rumliegt und auch in den Flüssen unnormal bunte Fetzen schwimmen.

Auf dem Rückweg nehmen wir eine andere Strecke, um nicht den gleichen Weg zweimal zu fahren. Hätten wir nur gewusst, was da auf uns zukommt. Diese Strasse steht im harten Kontrast zur modernen Autobahn. Wir tuckern stundenlang einen buckeligen Feldweg hinunter, überholen dabei lokale Reisebusse und tonnenschwere Lastwagen, die eine schier undurchdringliche dicke Staubwolke hinterlassen. Schade, dass es hier keine ordentliche Strasse gibt. Die Logik dahinter: Keine Touristen, keine Strasse. 

Mit Staub im Gesicht, aber die Schweiz im Herzen, erreichen wir am Abend das übliche Verkehrschaos Kathmandus und haben tatsächlich 222 Kilometer geschafft. 

Die goldene Infantin

„Bea, wo ist mein goldenes Haarband?“, quengelte Prinzessin Georgia, die siebte und jüngste Tochter von König Juan II. Sie war sein Nesthäkchen, dreizehn Jahre jünger als die vorletzte Tochter Elena, achtzehn Jahre jünger als Thronfolger Carlos, sein Ältester. „Bea, mach mir doch endlich mein Kleid zu, der Ball beginnt schon in drei Stunden“, nervte Prinzessin Georgia weiter. Bea, ihre tüchtige Dienerin, rollte heimlich mit den Augen und steckte das gewünschte Haarband auf den prächtigen goldenen Locken der Infantin fest, um sich umgehend ihrem ebenso goldenen Brokatgewand zu widmen. „Autsch, Bea, du dummes Ding, schnür doch nicht so fest“, meckerte Prinzessin Georgia. Bea stammelte eine Entschuldigung und lockerte die goldenen Bänder auf ein erträgliches Maß. 

Heute Abend sollte der Ball des Jahres, der Ball aller Bälle stattfinden. Der überreife Thronfolger Carlos würde seine Verlobte Margarita von Andalusien ehelichen. Daraufhin fieberte das ganze Land, ach was, die ganze Welt, und Prinzessin Georgia wollte nichts dem Zufall überlassen. 

Prinzessin Georgia hatte in einem aufwendigen Verfahren ihre dunklen Locken golden färben lassen. Sie hatte feinsten Goldstaub für die Arme beschaffen lassen und goldene Sandalen bestellt. Ein lebendes Goldstück wollte sie sein, damit alle von ihrem Glanz geblendet würden. Auch wenn dies nicht exakt so abgesprochen war mit ihren königlichen Eltern, die es lieber sahen, wenn die Aufmerksamkeit auf ihrem Sohn und Thronfolger und dessen zukünftiger Gattin lag. Doch eine Prinzessin muss tun was eine Prinzessin tun muss, dachte sich Prinzessin Georgia und hatte seit Wochen keine Kosten und Mühen gescheut, um an diesem Tage besonders strahlend auszusehen. 

Sie hatte ihrer nichtsnutzigen Dienerin den schönsten goldenen Stoff hingelegt, damit diese das schönste goldene Kleid nähte. Sie hatte extra drei Wochen Diät gehalten, damit das Kleid wie angegossen saß. Sie hatte ihre Reit- und Fechtübungen eingestellt und überprüfte täglich ihre Haut auf Unreinheiten. Sie hatte sich in der Küche darüber informiert, was es zu Essen geben würde. Auch wenn sie nicht wirklich befugt war, hatte sie doch Anweisung gegeben, nur helle Speisen und Weißwein auftragen zu lassen, damit kein Makel ihre königliche Erscheinung trüben könnte. Zugegeben, als ihr Vater dies erfuhr, war er nicht königlich amüsiert gewesen, er hatte ihr jedoch durchgehen lassen, dass zumindest an ihrem Tisch ihre Anordnungen befolgt würden. 

Damit das Volk sich darüber klar wurde, dass die künftige Thronfolgergattin keine so reine Weste trug wie sie, die kleine Infantin, die unschuldigste Prinzessin im ganzen Land, hatte sie kleine Indiskretionen streuen lassen und Briefe Margaritas abgefangen. „Ich vergehe vor Sehnsucht, hahaha“, gab sie laut lachend ihren Stoffpuppen den Inhalt wieder, den sie inzwischen auswendig konnte. „Ich kann es nicht abwarten, mich dir hin-zu-ge-ben“, äffte Georgia den säuselnden Ton nach. Die Puppen ließen sich zu keiner Äußerung hinreißen. Wirklich schamlos, was diese Königin in spe in ihren Briefen schreibt, hatte sich Georgia gedacht und eine Kopie in den Briefkasten der lokalen Presse gesteckt. Als die Briefe veröffentlicht wurden, war das ganze Land in Aufruhr. Die Eltern sprachen endlich über anderes, als immer nur Lobgesänge auf Margarita von Andalusien anzuheben. 

Alle, alle waren sich einig darin, dass Prinzessin Georgia das vorzüglichste kleine, reine Wesen im ganzen Land war. Ach, wäre sie doch nur ein paar Jahre früher geboren, dann hätte sie Thronfolgerin werden können. Vielleicht geschah ja auch ein Unglück und die Hochzeit kam gar nicht zustande? Während sie sich das Kleid glatt strich überlegte sie, wie stark sich wohl die Erdbeerallergie auswirken mochte, von der Margarita einmal gesprochen hatte. 

Prinzessin Georgia freute sich schon auf ihre nächste Aufgabe. Aber zuerst wollte sie das goldene Kleid vorführen und sich für die Ewigkeit darin präsentieren. „Bea, nun mach schon, der Hoffotograf wartet auf mich!“

Frau A. hört nicht auf

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Ob es anderen wohl auch so geht, fragt man sich, wenn man am Abgrund steht.

Wenn der innere Chef rumschreit, man sei faul und wohl nicht ganz gescheit.

Wenn ein Vorfall, über den man sonst lacht, eine Lebenskrise entfacht.

Wenn man gar nicht so viele Tränen hat, wie man weinen will. Und nicht so viel Wein, wie man trinken kann.

Wenn man so regelmäßig verspannt ist, wie man zur Massage geht. Und man sich selbst im Weg steht.

Wenn der innere Boss rummault und einen Druck aufbaut, als müsse man nackt vom Zehnmeterbrett in ein Haifischbecken springen. Dabei muss man sich nur selbst bezwingen.

Und dann hat man es geschafft und das Werk ist vollbracht.

Das ist die Ruhe nach dem Sturm, sagen die alten Hasen und legen sich auf den Rasen.

Das tropfnasse Bündel richtet sich auf und findet seinen Weg hinaus. Von jetzt an allein weiter, klettert es hoch die Leiter.

Und wie nach einer Geburt leistet man den Schwur. Sagt sich, nie wieder, und tut es dann doch wieder.

Da sitzt sie vor dem leeren Papier und fühlt sich provoziert.

Und was macht sie dann? Sie packt es an und schreibt den zweiten Roman.

Vierbeiniger Einbrecher

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Marble: der tut nichts, der will nur Kekse.

Durch die Ohrenstöpsel, die mich jeden Morgen vor dem allzufrühen Hundegebell schützen sollten, drang ein undeutliches Schimpfen – oder Würgen? – in mein Bewusstsein. Gerade steckte ich noch in einem verrückten Traum, als ich realisierte, dass sich dieses undeutliche Meckern im wahren Leben abspielte. Was war da los?

Ich brauchte ein paar Sekunden bis ich realisierte: das Schimpfen kam vom Liebsten, von irgendwo da draußen. Noch ehe ich begriff, was Sache war, stand ich schon an der Schlafzimmertür und erblickte im dunklen Flur die Gestalt des Liebsten, der würgend an mir vorbei ins Badezimmer stürmte. Verwirrt blickte ich auf den Boden, wo sich eine im Dämmerlicht glänzende Lache ausbreitete, so groß wie ein verwunschener See. Ein eigentümlicher Gestank wehte durch die Wohnung. Aus dem Badezimmer hörte ich den Liebsten rufen: „Marble war hier.“ Ich erstarrte. Marble lautet der Name des riesenhaften belgischen Schäferhunds, den unsere Vermieter halten, und mit dem ich bereits eindringlich Bekanntschaft gemacht hatte, als er mich mit einem Keks verwechselt und meiner Schulter ein Kathmandu Tattoo in Form seines Gebisses verpasst hatte. Offenbar hatte er sich in den Morgenstunden in unsere Wohnung geschlichen, auf der Suche nach den leckeren Keksen, die wir ihm im Auftrag seiner Besitzer gaben, und nicht mehr herausgefunden. Bei der verzweifelten Suche nach einem Ausweg muss er sich vor Angst eingemacht haben. Als der Liebste die Schlafzimmertür öffnete, stand er einem verängstigten Tier mit eingeklemmtem Schwanz gegenüber. Genauso geschockt wie der Hund, öffnete S. ihm den Fluchtweg und beide stürmten in gegengesetzte Richtungen. Der Hund hinaus, S. ins Bad.

 

Morgenstund hat Keks im Mund

In wenigen Sekunden überblickte ich das Ausmaß des Schreckens: im Flur der vergiftete See, auf dem Wohnzimmerteppich und im Gästezimmer verstreute Häufchen pure Angst, in der ganzen Wohnung tropfnasse Hundespuren. Ich folgte der Spur mit Blicken und erschrak: selbst beim Eingang zum Schlafzimmer prangten eindeutige Abdrücke auf dem Teppich. Mein Herz klopfte schneller bei der grauenhaften Vorstellung, wie der rasende Hund in Panik unsere Gesichter zerbiss.

Schnell rief ich Sharmila, unser Hausmädchen, damit sie mir beim Saubermachen helfen möge. Aber ach, sie brauchte ewig. Als sie endlich völlig aufgelöst im noch immer nassen Flur erschien, erkannte ich, was sie aufgehalten hatte: der Hund hatte ihren Arm blutig gebissen. Ich stürzte zu unserer Hausapotheke und kramte das Desinfektionsmittel hervor. Mithilfe ihres Gatten reinigten wir das Nötigste, ich rief den Taxifahrer unseres Vertrauens an, um ins Krankenhaus zu fahren. Dann zog ich mir eilig Klamotten an – ich war ja noch im Schlafanzug – spritzte etwas Mundwasser zwischen die Zähne und schon fuhren wir los.

Hunde die bellen, beißen auch

Auf dem Weg zum angeblich besten Krankenhaus der Stadt, dem Norvic Hospital, erklärte mir der Fahrer, dass dies völlig überteuert und die Behandlung gegen Tollwut für die Einheimischen ohnehin kostenlos sei. Wegen der Hundeplage hätte die Regierung diesen Service für die einheimische Bevölkerung eingerichtet. Wir sollten besser das Sukraraj Krankenhaus aufsuchen.

Um halb acht erreichten wir das Krankenhaus. Wir betraten das weitläufige Grundstück und gesellten uns zu den bereits wartenden Menschen an der Pforte. Von zwei Schaltern war nur einer besetzt. Davor spielte sich die übliche nepalische Art des Anstellens ab: alle drängten gleichzeitig an den Schalter. Während der Pförtner durch ein Guckloch mit einer Person sprach, wedelten zwei weitere mit irgendwelchen Zetteln und er fertigte alle gleichzeitig ab. Ich stand am Rand und späte auf die blauen Zettel, die alle in den Händen hielten. „Animal Bite“, Tierbiss, stand darauf.

Sharmila erklärte mir, dass die Behandlung erst um acht Uhr beginne. Also warteten wir mit den anderen. Da stand ein Stuhl und ich forderte sie auf, sich darauf zu setzen. Doch sie weigerte sich und bot ihn mir an. Ich fand, es stand ihr zu, sich zu setzen, war sie doch die Patientin. Aber ich spürte, es war wieder eine Hierarchiefrage, und ob ich es wollte oder nicht, war ich doch der Boss und musste mich auf den Stuhl setzen. Also fügte ich mich, während sie sich auf einer Steinmauer vor dem Pförtnerhäuschen niederließ.

Sign Rabies

Mit einem Mal hatte Sharmila auch einen solchen blauen Zettel in der Hand und wir stellten uns vor der Abteilung für Tierbisse an. Die Tür war mit einem Gitter verschlossen. An der Wand hingen Piktogramme, die anzeigten, wie man sich Hunden gegenüber verhalten solle. Ein rot durchgekreuztes Bild zeigte Kinder, die einen Hund mit Steinen bewarfen. Ich wünschte, alle Kinder des Landes hätten dieses Poster schon betrachtet und hielten sich daran. Schon oft hatte ich beobachtet, wie grausam manche Kinder die Tiere behandelten.

Während wir warteten fiel mir auf, dass die Leute sich ungewöhnlich ordentlich in einer Reihe aufstellten. Ich zählte mindestens fünfzehn Personen, vom Greis bis zum kleinen Jungen. Alle vom Hund gebissen? Die Leute erzählten sich ihre Geschichten und zeigten die Wunden. Ich schluckte. Tatsächlich, alle waren wegen Hundebissen hier.

Landplage Tollwut

Nach einer Weile gab mir Sharmila ein Zeichen, dass wir es bei der Notaufnahme versuchen sollten.

Über eine Rampe betraten wir eine offene Halle. Links vom Eingang befand sich eine abgerundete Theke, offenbar der Empfang. An der Fensterseite standen etwa sechs oder sieben Betten in einer Reihe mit Patienten darauf. Während Sharmila dem beflissen wirkenden Eingangschef in Polohemd und Jeans ihr Anliegen schilderte, schaute ich mich um. Der geräumige Krankenhaussaal glich eher einer rumpeligen Werkstatt.

Hinter einer Säule erkannte ich unbenutzte Betten. Verstaubte Wassergalonen sollten frisches Trinkwasser spenden. Rechts vom Eingang standen medizinische Gerätschaften. In der Mitte des Raumes war noch Platz für eine ganze Kompanie Versehrter. Darin stand eine Helferin mit Mundschutz und fegte Unrat zusammen, dass es nur so staubte. Mir stellten sich die Härchen an den Armen auf. „Hygiene??“, schrie es in mir.

Eine sehr dünn und zerbrechlich wirkende faltige Frau – schwer zu sagen ob sie alt oder ausgezehrt war – wurde in einem verrosteten Rollstuhl aus dem letzten Jahrtausend auf wackeligen Rädern eingeliefert. Die Patienten auf den Betten blickten mit verzogenen Mienen in die Welt – waren dies schmerzverzerrte oder verzweifelte Gesichter?

Der nette Herr am Tresen schickte Sharmila weg. Ich fragte ihn, ob er Englisch spreche und erkundigte mich nach dem aktuellen Stand. Sie würde zunächst eine Tetanusspritze bekommen. Den Wirkstoff kaufte sie gerade in der Apotheke gegenüber dem Krankenhaus für umgerechnet nicht einmal dreißig Cent. Ich fragte, ob sie auch gegen Tollwut gespritzt würde, obwohl Marble ein Haushund sei. „Wir trauen keinem Hund“, erwiderte der Mann. Aber die Behandlung sei kostenlos. Ich bat ihn, ihr zu übersetzen, dass sie sich eine Woche frei nehmen solle. Nach der ersten Behandlung muss sie sich drei weitere Spritzen geben lassen, um den Impfschutz zur Wirkung kommen zu lassen.

Der Traum von Hygiene

Sobald sie wieder da war, kam Bewegung in die Sache. Jemand gebot Sharmila, sie möge sich die Wunde auswaschen. Ich folgte ihr auf die andere Seite des Saals. In einer Ecke befand sich ein mit grauen Schlieren überzogenes Waschbecken, dessen letzte Reinigung vermutlich ungefähr so lange her war wie der letzte Vollmond. Oder ein paar Mondzyklen vorher. Eine verstaubte Wasserfilteranlage versprach sauberes Trinkwasser, doch ich hegte Zweifel, ob der uralte Filter dieses Versprechen einlösen könnte.

Sharmila nahm ein auf Würfelgröße geschrumpftes Stück pinke Seife und reinigte ihre Wunde. Dabei erkannte ich, dass der Hund zweimal zugebissen hatte. Ich half ihr, die zweite Stelle unter ihrem Ärmel einigermaßen schicklich zu erreichen. Dabei überlegte ich, wie viele hundert Patienten diese Seife wohl schon benutzt hatten und ob ich eine hysterische Hygienefanatikerin war.

Zurück am Tresen, versammelten sich fünf junge Damen und Herren, die mit Mundschutz und Arztkittel auf mich wirkten wie Praktikanten, um Sharmila. Neben einem Patientenbett, auf dem eine Frau lag, stand ein Hocker. Ein Mann hatte darauf gesessen, so dass ich angenommen hatte, er gehöre zu ihr. Doch offenbar war er ein anderer Patient, der jetzt von einem Herrn in Zivil, aber mit Mundschutz, verscheucht wurde, um Platz zu machen für Sharmila. Diese setzte sich und die Schwesternschülerinnen scharten sich um sie, offenbar um zuzuschauen, wie Sharmila die Spritzen bekam.

Ich wurde abgelenkt durch einen kleinen Jungen, der mir an der Hand seiner Mutter bereits vor der Abteilung für Tierbisse aufgefallen war. Er zog gerade seine Hosen herunter und präsentierte einen dick angeschwollenen, rot verfärbten Biss, ganz offenbar von einem großen Hund. Wieder stellten sich mir die Härchen an den Armen auf. Die Straßenhunde geraten wirklich zur Plage. Es versteht sich von selbst, dass man Straßenhunde nicht anfassen sollte und falls doch, danach die Hände waschen. Zu den weiteren Überträgern gehören übrigens Affen und Katzen.

Ich war froh um meine Tollwut-Impfung, die ich mir vorab im Tropeninstitut in Berlin besorgt hatte. Was ich aber jetzt erst erfahren habe: auch mit Impfung muss man innerhalb von achtundvierzig Stunden nach einem Biss zum Arzt und sich nachimpfen lassen.

Heilung zum Selbstkostenpreis

Nachdem Sharmila versorgt war, gingen wir nochmal zur Apotheke und ich besorgte ihr eine Medizin, die wir selbstverständlich selbst bezahlen mussten. Die Wunde solle nicht verschlossen werden, damit sie besser heile, lautete das Argument auf meine Nachfrage, warum sie keine Bandage bekäme.

Sobald ich wieder zu Hause war, reinigte ich stundenlang die Wohnung und ich schwor mir, dem Hund nie wieder Kekse zu geben. Nach zehn Tagen sollten wir den Zustand des Hundes überprüfen. Hoffen wir, dass er nicht von Tollwut, sondern nur von einer Kekssucht befallen ist.

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Der beste Freund des Menschen: Kekse

 

 

Im Herzen des Dschungels

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Eine Elefantensafari ist sicher eine spannende Sache. Noch nachhaltiger, und vor allem entspannter für alle Beteiligten, ist jedoch ein Elefantenspaziergang. Oder wusstet ihr, dass Elefanten schnurren können?

Bei einem Besuch im Chitwan Nationalpark, im Süden Nepals, ist eine Jungle Safari obligatorisch. Per Jeep wie in Afrika oder auf einem Elefanten begibt man sich ins Herz des Dschungels, um die Tierwelt möglichst nah zu erleben. Es gibt aber auch nachhaltigere Wege, wilde Tiere hautnah zu erleben.

Option Nr. 1: Dschungelspaziergang

Mit dem ersten Vogelgezwitscher schleichen wir uns aus dem kuscheligen Bett der Evergreen Ecolodge in Sauraha. Noch im Morgengrauen, wenn sich die ersten Sonnenstrahlen durch den Frühnebel kämpfen, erklimmen wir ein Kanu und fahren hinein ins Herz des Dschungels.

Wir schippern gemächlich den Fluss entlang und beobachten zahlreiche Krokodile auf der Lauer, paarungswillige Pfaue im Hochzeitskostüm und andere Frühaufsteher. Lemuren und Makaken hüpfen von Ast zu Ast, Schmetterlinge flattern vorbei, in der Ferne erkennen wir eine Horde Elefanten, Nashörner, knallblaue Vögel (Kingfisher) und Reiher. Am Ufer schnattern braune Enten aus Sibirien, die von unserem Guide beneidet werden: „Die haben’s gut – die fliegen über alle Grenzen hinweg und entscheiden selbst, wo sie leben wollen.“

Nach gut anderthalb Stunden springen wir aus dem Kanu und stehen mitten im Chitwan National Park.

Bevor wir loswandern, erklärt uns der Guide die wichtigsten Verhaltensregeln für die Begegnung mit wilden Tieren.

Regel Nr. 1: Schleichen wie eine Katze – also nicht auf trockene Blätter, Äste oder anderes Gestrüpp treten, um so leise wie möglich durch den Dschungel zu huschen.

Wie verhalte ich mich, wenn ein Elefant hinter mir her ist? Nicht zwischen den Elefant und einen Baum stellen – er würde mich zerquetschen. Besser: hinter Busch oder großem Baum verstecken.

Begegnung mit Nashorn: im wendigen Zickzack-Kurs abschütteln. Nashörner können zwar schnell rennen, allerdings sind sie sehr schwerfällig und können daher nicht so schnell die Richtung ändern. Wenn möglich, auf Baum retten.

Begegnung mit Bär: Gruppe bilden, damit wir größer wirken, der Guide jagt ihn mit einem Stock davon.

Begegnung mit Tiger: zunächst einmal kein Rot tragen, ansonsten: mit festem Blick niederstarren und so Angst einjagen (ich bezweifle, dass mir das gelingen würde; vermutlich würde ich ihn anlocken wollen und dann gefressen werden).

Gewappnet wie echte Dschungelkämpfer starten wir unsere Safari und begeben uns hinein in die Wildnis.

Es ist aufregend, sich im Lebensraum wilder Tiere zu bewegen. Wir sehen zahlreiche Spuren der Dschungelbewohner und werden vom Guide immer wieder ermahnt, uns unauffällig zu verhalten, da wir quasi durch das Wohnzimmer der Tiere marschieren.

Frische Spuren im Dschungelsand

Wir sehen frische Bärenspuren, abgeknickte Büsche, an denen Elefanten sich gerieben haben und entdecken an einem kleinen Flüsschen die Abdrücke eines Tigers, der erst kurz vorher hier getrunken haben muss. An einem Baumstumpf zeigt uns der Guide frische Kratzspuren und reicht mir ein Tigerhaar. Wie elektrisiert nehme ich es an mich, überlege kurz, ob ich es essen soll, um dem Tiger noch näher zu sein, entscheide mich dann aber dafür, es mit den anderen zu teilen und weiterzugeben. Es ist weiß und fester als gedacht, vermutlich vom Schnurrbart und daher etwas stachelig.

Als wir auch noch ein frisches Tiger-Häufchen erkennen, klopft mein Herz bis zum Hals: so nah war ich noch nie dran an einem wilden Tiger. Zu wissen, dass er da draußen irgendwo lauert, sich womöglich nur einen Meter entfernt im nächsten Busch vor uns versteckt, lässt unsere Herzen höher schlagen.

Kaum haben wir den Tiger hinter uns gelassen, erwartet uns schon die nächste Aufregung: direkt neben uns am Uferrand des Flüsschens sonnen sich Krokodile. Eines verschwindet schnell unter Wasser und wir fragen uns, ob es wohl mit geöffnetem Maul ein paar Meter weiter nur darauf wartet, dass wir einen falschen Schritt machen?

Zu unserer Überraschung fordert uns der Guide kurz danach auf, die Hosen hochzukrempeln und durch den Fluss zu waten. Äh, und die Krokodile? Kein Problem, das Wasser ist hier zu seicht für die. Nun gut, er muss es ja wissen. Gesagt, getan. Mit klopfendem Herzen durchwaten wir den Fluss und kommen alle heile und vollzählig am anderen Ufer an.

Dort wandern wir zwischen hohen Gräsern und Büschen weiter, bis uns der Guide ein Zeichen gibt. Wir halten den Atem an und lauschen auf die vielstimmigen Geräusche des Dschungels. Wir schleichen wie eine Katze weiter, dann gibt der Guide erneut ein Zeichen. Vor uns stehen drei Nashörner und mampfen genüsslich frisches Gras. Schritt für Schritt schleichen wir uns näher heran, um Fotos zu machen.

Da vergisst einer den Katzentritt und stapft auf einen Ast. Das Geräusch zerreißt die Stille wie ein Schuss. Ein Nashorn wackelt nervös mit den Ohren und blickt genau in unsere Richtung. Der Guide fuchtelt wild, und wir rasen wie aufgeregte Hühner davon, einer verläuft sich, zwei rennen in die falsche Richtung, eine andere schießt Fotos. Nach einer Weile, als wir uns in sicherer Entfernung wieder gesammelt haben, zählt der Guide unsere Vergehen auf: alle haben so ziemlich alles falsch gemacht. Betreten grinsen wir uns an: nochmal Glück gehabt. Vermutlich grinst auch das Nashorn zufrieden, hat es sich doch keinen Zentimeter bewegt und doch die Eindringlinge verscheucht.

Der Dschungel brennt

Schließlich begeben wir uns auf den Rückweg und bemerken, wie schwarzer Rauch aufzieht. Um uns herum knackt der Dschungel und lodert lichterloh, eine wabernde Flammenwand frisst sich bedrohlich näher.

Wieder Herzklopfen: was ist los? Der Guide beruhigt uns, dass der Dschungel kontrolliert abgebrannt wird, um das trockene Gestrüpp loszuwerden und dem Dschungel zu erlauben, frisches Gras und neue Triebe für die Tiere wachsen zu lassen.

Daher ist auch jetzt die beste Zeit für einen Dschungelbesuch, weil ansonsten das Gras so hoch steht, dass man überhaupt keine wilden Tiere entdecken kann.

Option Nr. 2: Elefantenspaziergang

Für die meisten Touristen aus China, Indien oder Nepal gehört ein Ritt auf dem mächtigen Elefanten noch zur Vorstellung von einer ordentlichen Safari, auf der Jagd nach dem besten (Schnapp-)Schuss. Wenn aber ein vollbesetzter Safari-Jeep für alle sichtbar zur Elephant Happy Hour fährt, sehen die Einheimischen, dass es sich lohnt, die Tiere anders zu behandeln.

Wir treffen Florine und Michael von StandUp4Elelephants, die uns erklären, wie wir uns im Angesicht eines Elefanten verhalten sollen. Ruhig auf ihn bzw. sie zugehen, keine hektischen Bewegungen, nicht übermäßig tätscheln und vor allem nicht unvermutet aus dem toten Winkel des Tieres auftauchen, schon gar nicht von hinten anfassen. Keine Selfies machen und ihr dabei den Rücken zukehren. Wenn wir ihr Leckerlis reichen, mit offener Hand darbieten, am besten direkt auf das vordere Ende des Rüssels legen. Alles klar.

01Als wir auf dem Gelände ankommen, von wo aus normalerweise der Elefantenritt beginnt, nähert sich die Elefantendame Rupakali zutraulich. Sie weiß, dass wir zu den good guys gehören und sie mit leckerem Essen und Streicheleinheiten verwöhnen werden.

Normalerweise muss Rupakali bis zu 10 Mal am Tag fünf oder sechs Touristen auf ihrem Rücken durch den Dschungel befördern. Elefanten können zwar sehr gut schwere Gegenstände bewegen, sind also gut als Arbeitstiere einsetzbar, allerdings sind sie nicht geschaffen dafür, als Lasttiere genutzt zu werden. Daher nennen Florine und Michael ihr Programm auch „Elephant Happy Hour“, weil Rupakali eine Stunde lang machen kann, was sie will.

Schnell finden wir heraus, was sie am liebsten hat: frische Bananen. Was sie nicht so gern mag, wie etwa Zucchini oder Rüben, legt sie beiseite, um sie später zu vernaschen.

Dann marschiert sie lässig in ein Gehege, das vom restlichen Dschungel abgetrennt etwa so groß ist wie ein Fußballfeld. Dort beginnt ihre Happy Hour: sie besprüht sich ausgiebig mit Staub, räkelt sich an einem Baum, so dass der ganze Dschungel wackelt und reibt die trockene Haut an einem Busch.

Wer hat Angst vor dem Elefantenbaby?

Plötzlich kommt Panik auf. Eine Elefantendame mit Touristen auf dem Rücken rennt wild trötend auf uns zu: wenn fünf Tonnen mit 50km/h auf dich zurasen, nimmst du besser Reißaus. Wir schlagen uns in die Büsche, bis wir das Zeichen zur Entwarnung erhalten. Grund für die Panik: ein kleines Elefantenbaby, das von Rupakali adoptiert wurde, hat seine neue Mama mit der anderen Elefantendame verwechselt und war auf sie zugestürmt. Allerdings hat ausgerechnet diese Elefantendame Angst vor Elefantenbabies und wollte bei Rupakali Schutz suchen. Diese blieb von der ganzen Aufregung völlig ungerührt und kratzte sich weiter an ihrem Busch, bis die Lage sich wieder beruhigt hatte.

Wir beobachten, wie sie sich genüsslich an einem Baum reibt und dabei einen sonoren Laut von sich gibt, als würde sie schnurren. Nun begreifen wir, was happy hour für Rupakali bedeutet: völlige Entspannung.

Während die Elefantendame putzig den Augenblick genießt, erfahren wir allerhand Hintergrundinfos von Florine und Michael. Etwa, dass die Hälfte der Safarielefanten illegal sind, weil offiziell nur die Regierung Elefanten halten darf. Diese drückt jedoch ein Auge zu, weil die Betreiber trotzdem die Gebühr für den Nationalpark entrichten müssen und sie somit auch ein Geschäft macht.

StandUp4Elephants verfolgen ein disruptives Modell: sie könnten den Elefant auch kaufen, doch dann würde eben ein anderer Elefant auf Safari gehen müssen. Sie jedoch zahlen für die Elephant Happy Hour ebenso Miete an die Besitzer für Rupakali, nur dass sie für ihr Geld in der Zeit eben nicht durch den Dschungel laufen muss, sondern bezahlte Freizeit hat. So tritt ein Lerneffekt und eine langsame Veränderung ein: Die Einheimischen sehen, dass man trotzdem mit dem Elefanten Geld machen kann und alle sind glücklich – die Touristen, die Besitzer und vor allem: die Elefanten!

 

 

Tanzend in die Zukunft

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Das Leben in Nepal ist hart. Die Menschen mögen arm sein, vielleicht ungebildet, rückständig leben. Und doch haben sie etwas, das sie unendlich reich macht.

Lächeln ist Trumpf

Alle Straßen führen in Nepal zu einem Lächeln. Wer die staubigen Wackelpisten hinter sich gelassen hat, trifft überall auf strahlende Gesichter. Über die Einweihung ihrer wiederaufgebauten Schule in Bhag freuten sich nicht nur die Schüler, auch wir wurden reich beschenkt.

Neue Schule für das Dorf

Die Kinder kicherten in heller Vorfreude und wuselten aufgeregt auf dem Gelände umher. Scheu und doch interessiert an den Gästen aus der Hauptstadt, versteckten sie sich hintereinander und drängten dabei Schritt für Schritt näher, um zu beobachten, wie der große weiße Mann mit seinem Gefolge die Schule inspizierte.

Währenddessen gab ein Künstler den frisch gestrichenen Wänden mit nepalesischen Symbolen wie dem Rhododendron den letzten Schliff, in einem hinteren Raum wurde eine Generalprobe durchgeführt, dann endlich begann die Zeremonie.

Aber ach, erst einmal hieß es stillsitzen, bis die zahlreihen Würdenträger ihre ausufernden Lobesreden gehalten hatten. Das ganze Dorf war zusammengekommen, um der Einweihung der neuen Schule beizuwohnen. Sie lauschten geduldig den nicht enden wollenden Reden, welche durch einen falsch eingestellten Verstärker so schrill und verzerrt kreischten, dass die Ohren schmerzten.

Tanz statt vieler Worte

Schließlich kam der große Auftritt der kleinen Mädchen. Geschminkt wie die Kumari, die lebende Göttin, mit roten Lippen, dem roten Tika auf der Stirn und bis zu den Schläfen schwarz verlängerten Augenlidern, in schillernd roten Kostümen, gaben sie einen Tanz zum Besten, der den Bauverlauf mit allen Schwierigkeiten wiederspiegelte.

In geschmeidigen Bewegungen machten sie deutlich, was all die langen Reden vorher nicht rübergebracht hatten: Jeder konnte ohne Worte nachvollziehen, dass erst eine feste Mauer gebaut werden musste, um den Hang vor Erdrutschen zu schützen, wie schwierig der Transport des Baumaterials auf der rutschigen Straße im Monsun war und wie sehr sich die Kinder über die neue Schule freuten.

Nach dem Tanz führte die Schultheatergruppe ein selbst ausgedachtes Stück auf, das wichtige Themen spielerisch aufgriff wie gesunde Ernährung, richtige Hygiene durch Händewaschen und sogar Familienplanung. Ein Spiel, bei dem sicherlich die Erwachsenen noch von den Kindern lernen konnten.

Mit der Übergabe der neuen, erdbebensicheren Schule bekommen die Kinder des Dorfes ihre Chance auf Bildung und damit die Hoffnung auf einen Weg aus der Armut. Hoffen wir, dass sie dabei niemals ihr Lächeln verlieren.

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Farbenmeer in der Wüste

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Wer in die Wüste reist, denkt an Dürre und Staub. Doch wir ahnten schon, da gibt es noch mehr. Was würde uns wohl beim Wüstenfestival in Jaisalmer erwarten?

Incredible India – das Motto ist Programm

Angekommen in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi fühlen wir uns wie Aschenputtel in der Großstadt. Der indische Standard dieser Megacity mit rund 17 Millionen Einwohnern erscheint nach Nepal geradezu luxuriös: wir staunen über aalglatte Straßen, Straßenschilder und Laternen, Ampeln, moderne Autos auf der Autobahn, ein weit verzweigtes U-Bahn-Netz, am Straßenrand Springbrunnen mit farbiger Beleuchtung … Alles glänzt so schön neu. Nur leider ist die Luft noch schlimmer als in Kathmandu, dafür gibt’s elektrische Warnhinweise.

Eine Armada aus Tuk-tuks steht bereit, alle einheitlich in gelb-grün. Dazwischen bunte Fahrrad-Rikschas und Leiterwagen. Ein harter Kontrast zwischen uralten Traditionen und modernem Lifestyle, Wohlstandsbäuchen und abgewetzten Träumern auf der Straße.

Eine bettelnde Frau mit Baby im Arm klopft an die Scheibe unseres Taxis und wir stehen vor der schwierigen Frage, ob und wie viel man geben möchte.

Selfiefieber

Der Hüter der Roten Moschee ist ein harter Knochen. Da wird heftig verhandelt. Er verlangt Eintritt plus Gebühr für jede einzelne Kamera – auf dem Telefon, Fotoapparat und Laptop. Doch wir lassen uns nicht darauf ein und verhandeln nepalesisch – einfach weitergehen. Schließlich finden wir einen Kompromiss und unser Lächeln wieder.

In der Moschee schauen wir uns um und stellen fest: Selfies mit Blondie sind total angesagt. Auch der Lange ist ein beliebtes Motiv. Bereitwillig grinsen wir in fremde Kameras und landen als Souvenir auf indischen Familienfotos. Im Austausch erhaschen wir Schnappschüsse von den Einheimischen.

Über uns am Himmel kreisen Schwärme von Falken wie anderswo Tauben.

Am nächsten Tag setzen wir uns in die Bahn und tuckern im Schlafwagen nach Jaisalmer.

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Die goldene Stadt

Siebzehn Stunden und achthundert Kilometer später erreichen wir Jaisalmer, die goldene Stadt im Westen Rajastans. Den Beinamen trägt sie wegen ihrer Sandsteinhäuser, die im Sonnenlicht goldgelb leuchten.

Schon von Weitem verfängt sich der Blick am imposanten Fort, dem Wahrzeichen der Oase am Rande der Wüste Thar. Rund 4.000 Familien leben in der Festung, es ist das einzige noch voll bewirtschaftete Fort des Landes. Früher diente es als wichtiger Knotenpunkt auf der alten Seidenstraße für Karawanen auf dem Weg nach Pakistan. Heute leben die 65.000 Einwohner der Stadt vor allem vom Tourismus, dem Verkauf der berühmten Sandsteine und Strom aus den Windparks, die den Horizont säumen.

Im Farbrausch

An drei Tagen im Jahr verspricht das Wüstenfestival ein einzigartiges Spektakel. Zum Auftakt zieht eine Parade aus übervoll verzierten Kamelen, Wüstenprinzessinnen in bunten Saris, wilden Tänzern und majestätischen Bartträgern durch die engen Gassen.

Die ganze Stadt vibriert. Gesang und Getrommel, Tröten und Flöten, alles glitzert und schimmert, dazwischen das hartnäckige, durchdringende Gehupe der Tuk-tuks. Schrill und doch melodisch erklingen die Flöten, untermalt von hypnotischem Trommelwirbel und Paukenschlägen, die den ganzen Körper schwingen lassen.

Ein magischer Kanon erfüllt die Herzen, wirbelt im Wind und sendet Lebensfreude weit über die Wüste Thar hinaus in die Welt.

Mr. Desert und die Wüstenprinzessin

Das Festival-Programm gleicht einer Zeitreise. Kaum ist das schönste Kamel gekürt, halten wir den Atem an beim Kamel-Polo, feuern die Teilnehmer des Turban-Wickel-Wettbewerbs an und jubeln Mr. Desert zu, dem Mann mit dem schönsten Schnurrbart. Wie bei jedem Schönheitswettbewerb muss der Bewerber einige Kriterien erfüllen, um gewählt zu werden. Neben der traditionellen Kleidung und dem perfekt gebundenen Turban zählt auch der Gesamteindruck. Alles in allem muss er der perfekte Repräsentant für Jaisalmer und die Wüste sein. Einen imposanten Bart zu tragen hat in Indien eine lange Tradition und gilt als Zeichen von Männlichkeit. Auch deshalb tragen die Männer aus Rajasthan ihre wohlgepflegten Bärte mit Ernsthaftigkeit und Stolz zur Schau.

Schließlich entdecken wir noch eine exotische Sportart: Damen-Wrestling. Hui!

Am Abend tanzen im Mondlicht prächtig gekleidete Wüstenprinzessinnen zu Schlangenbeschwörermusik und singen Lieder aus Tausendundeinernacht.

Wie die Derwische verlieren wir uns in einem Rausch aus Farben und Klängen und fragen uns – ist es eine Fata Morgana, oder baden wir in einem Farbenmeer?

Herzlichen Dank an unseren Freund und besten Schweizer Reiseführer der Welt, Andreas Bold, der uns auf die Idee gebracht und die wunderbare Reise ermöglicht hat!

Coole Roboterhand

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Die meisten Unfälle passieren zu Hause. Ist es nicht praktisch, dass man sich heutzutage eine Prothese ganz einfach aus dem 3D-Drucker holen kann?

Was sich wie Science Fiction anhört, ist hier in Nepal bereits Realität. Die smarten Jungs von Disaster Hack machen genau das: sie drucken 3D-Prothesen für hilfsbedürftige Menschen.

Nehmen wir die Geschichte von Sabita, einer jungen Frau aus Kathmandu. Eines Tages war sie gerade beim Wäscheaufhängen, als sie versehentlich ein unter Strom stehendes Kabel berührte und ein Stromstoß von über 1000 Volt ihre beiden Arme abtrennte. Nachdem sie den Unfall überlebt hatte, kam der Schock: Sabita hatte nicht nur beide Arme verloren, sondern auch ihr Selbstvertrauen und all ihre Hoffnungen auf Verwirklichung ihrer Träume.
Und dann kam sie zu Disaster Hack. Dort hat sie zwei Prothesen aus dem 3-D Drucker erhalten und zugleich neue Hoffnung geschöpft.

Was ist Disaster Hack?

Nachdem Matt Rockwell die beiden großen Erdbeben überlebt hatte, gründete er Disaster Hack, eine gemeinnützige Organisation mit dem Ziel, insbesondere jungen Menschen in Entwicklungsländern durch die Anwendung neuer Technologien und Innovationen einen Weg aus der Armut zu weisen. Konkret sollen sie befähigt werden, durch technische Fähigkeiten Einnahmen zu generieren und so Einfluss auf die ökonomische Entwicklung ihres Landes zu nehmen. Sie lernen beispielsweise wie sie selbst eine Website für ihre Schule basteln, um damit Spendengelder einzuwerben.

Ein Fachgebiet ist das 3D drucken. Disaster Hack ist die erste Organisation, die jemals einen 3D-Drucker ins Land gebracht hat. Zwischenzeitlich wurden Kooperationen mit Krankenhäusern und weiteren Organisationen geschlossen und ein wesentlicher Beitrag für ganz Nepal geleistet.

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Wie funktioniert das mit den 3D-Prothesen?

Theoretisch habe ich verstanden, was mir Gründer Matt da erzählte, aber so richtig glauben konnte ich es trotzdem nicht. Also habe ich mir die Sache mal genauer angeschaut und im Ignition Lab, dem Disaster Hack Büro im Kellergeschoss der altehrwürdigen Tribhuvan Universität, an einem 3D-Printing Workshop teilgenommen.

Im Prinzip ist es ganz einfach: man lade die entsprechende Software wie etwa MeshMixer herunter, bearbeite darin das zu druckende Objekt (Größe, Farbe, Dichte des Materials etc.), speichere die Daten auf einer SD-Karte und schließe diese an den 3D-Drucker an. Der druckt dann in übereinanderliegenden Schichten das gewünschte Objekt aus. Fertig ☺
Okay, bis die neue 3D-Hand einsatzbereit ist, wird es noch ein kleines bisschen komplizierter, aber die technischen Details muss dann ein Fachmann erklären. Da die jeweiligen Prothesen individuell angepasst werden müssen, und der Druckvorgang nicht nur stundenlang dauert, sondern dabei auch sehr viel Energie verbraucht, taugt der 3D-Druck nicht für die Massenproduktion. Doch insbesondere für Krankenhäuser ist diese Innovation bahnbrechend.

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Noch sehen die Prothesen sehr roboterhaft aus. Ältere Patienten wünschen sich daher lieber menschlich aussehende Modelle. Doch Matt erzählte mir, dass die Kids gerade das cool finden: „Hey, sieh mal meine coole Roboterhand!“. Damit gewinnen sie mit ihren Prothesen nicht nur neues Selbstvertrauen, sondern auch ein Vertrauen in innovative Technologien. Das ist die Zukunft!

Yeah!

Im Jahresbericht von Disaster Hack sind die wichtigsten Ziele und Erfolge kurz und knackig beschrieben. Eine wirklich weltbewegende Organisation!

Winter ohne Heizung

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Wie überlebt man den nepalesischen Winter ohne Heizung?

Wenn Flüsse gefrieren, Bäche eine glitzernde Eisdecke tragen und der Amtsleiter in Manang lieber den ganzen Tag im Bett bleibt, dann erleben wir die härteste Zeit des Jahres.

Dort in Manang, in Zentralnepal, kämpfen sie mit eisigen Temperaturen um -16 Grad. Bei uns in Kathmandu verzeichnen wir tagsüber 15ºC und nachts zwei Grad.

Wie hierzulande üblich, gibt es in unserem Haus keine Heizung. Wo es nur zwei Monate im Jahr so richtig kalt wird, ist diese auch eigentlich nicht nötig. Was also tun bei der Kälte?

Zunächst versuchen wir es mit dem Zwiebellook. Wir ziehen einfach alle zur Verfügung stehenden warmen Klamotten an: Merinoleggins, langärmeliges Merinounterhemd, dicke Merinosocken, Kaschmirpulli, Jeans, wattierte Weste und wickeln uns in eine Kaschmirdecke.

Pashmina aus Nepal

Warum betone ich dabei die Wollart? Nun, in Nepal bekommt man insbesondere Kaschmirprodukte zu einem relativ günstigen Preis. Angepriesen als „Pashmina“ denkt der Laie, es handele sich dabei um eine spezielle Wollart. Ist es aber nicht. Pashmina ist eine reine Handelsbezeichnung, vornehmlich für breite Schals, die meistens aus Kaschmir, oder aber auch aus allen möglichen Fasern hergestellt werden. Die guten Geschäfte verkaufen Qualitätsware aus Kaschmirwolle oder als Gemisch mit Schafs- oder Yakwolle.

Um die echte von der synthetischen Wolle zu unterscheiden, gibt es einen Trick: einfach einen Faden ziehen und ein Feuerzeug darunter halten. Bei der Kunstwolle stinkt es sofort nach Plastik. Falls der Händler keine echte Ware anbietet, wird er schon bei der Andeutung einen Schreck kriegen und lieber gleich die guten Schals zeigen, sofern vorhanden.

Bei S.K. Pashmina, dem Kaschmirhändler meines Vertrauens in Thamel, gibt es kuschelige Ware, eine ausführliche Beratung und heißen Tee.

Eingepackt in die Wollhaut setze ich mich in die Sonne – zum Glück scheint sie jeden Tag. Unsere Wohnung ist so geschnitten, dass die Sonnenstrahlen mit mir von Raum zu Raum wandern: erst im Schlafzimmer, zum Frühstück im Esszimmer, das Wohnzimmer leuchtet bis zum Sonnenuntergang.

Auch meine Nachbarn nutzen die Kraft der Sonne. Sie kauern am Straßenrand und lassen die Wärme auf sich wirken.

Überhaupt findet das Leben hier größtenteils auf der Straße statt. Da werden Gewürze gemahlen, Chilis getrocknet oder Büffel geschlachtet. Das Baby massiert, Haare gelaust oder Omas Fußnägel geschnitten.

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Bester regionaler Tee in Exportqualität

Damit ich auch meine innere Heizung auf Touren bringe, gehe ich auf dem Laufband joggen und trinke viel frischen Ingwertee mit Zitrone und Honig oder eine der regionalen Teesorten.
Denn in Nepal gibt es ausgezeichnete Tees. Sie kommen in hübsch geschnitzten, kleinen Holztruhen daher.

Die Qualität ist so gut, dass die Tees meist nach Indien exportiert und dem Darjeeling beigemischt werden.
Mittlerweile gibt es auch einige selbstbewusste Hersteller, die von ihrer Qualität so überzeugt sind, dass sie ihre Ware besser vermarkten und als Spitzentee aus Nepal präsentieren.

Einige pfiffige Leute sind auch schon auf die Idee gekommen, westlichen Touristen, ähnlich wie in Australien, eine Art „work and travel“ anzubieten und diese auf ihren Teeplantagen arbeiten zu lassen – wobei die Freiwilligen sogar umgerechnet rund fünf Dollar pro Tag dafür geben, dass sie dort pflücken und so ganz authentische Erfahrungen machen dürfen.

Für einen heißen Adrenalinschub sorgen auch immer wieder die nepalesischen Verhältnisse. Etwa, wenn von 10 Geldautomaten kein einziger funktioniert, oder wenn in der gewohnten Reihenfolge das Wasser, das Internet und der Strom ausfallen. Aber das kennen wir ja bereits.

So richtig warm um’s Herz wird es mir auch, wenn ich im Geschäft vor einem leeren Regal stehe, wo beispielsweise die scharfen Bananenchips liegen sollten. Auf Nachfrage blickt mich die Verkäuferin verständnislos an, als habe es die niemals gegeben.

Einfach cool bleiben und Tee trinken. Der würzige Masala-Tee (Chai) ist übrigens besonders lecker und wärmt auch von innen. Er besteht aus Schwarztee mit einer Gewürzmischung aus Ingwer, Zimt, Nelken, Muskat, Kardamom, Pfefferkörnern und Lorbeerblättern. Er wird gewöhnlich mit Milch und Zucker getrunken.

Wenn der Tee nicht hilft, muss selbst gemachter Glühwein her. Dazu nimmt man den echt guten indischen Rotwein (überraschende Entdeckung: Shiraz von Sula), eine Sternanis aus Goa, drei indonesische Nelken und zwei Stangen Ceylon Zimt, eine in Scheiben geschnittene Orange und gibt etwas nepalesischen Honig hinzu. Das Ganze erhitzen (nicht kochen), dann eine Stunde ruhen lassen, wieder erwärmen und heiß genießen.

Eiskalte Bilanz: 15 Tote durch Erfrieren

Sobald die Sonne untergeht, kommt auf die dicke Schicht eine weitere Lage hinzu: Fleecejacke, Bommelmütze und Kaschmirschal. Und weil wegen der Kälte auch das Nachtleben zum Erliegen kommt, hüllen wir uns in mehrere Lagen zentimeterdicker Decken und gehen früh ins Bett.

Ein Platz an der Sonne

Was aber machen die Nepalesen, wenn es nachts kalt wird? Sie schüren ein Feuer aus Unrat und Holz, stellen sich darum und wärmen einander. Oder sie entfachen ein Feuer in der Wohnung. Dabei kommt es leider häufig zu Verbrennungen oder Vergiftungen durch Kohlenmonoxid.

Auf dem Lande ist das Leben noch härter und so gibt es in diesem Winter bereits 15 erfrorene Menschen zu beklagen. Die Regierung hat nun ein Notfallprogramm gestartet und gibt Decken, Feuerholz und andere Hilfsgüter aus.

Wenn die Vorhersagen stimmen, soll es bereits nächste Woche etwas wärmer werden. Lasst uns die eiskalten Daumen drücken!